43.500 Ausbildungsstellen frei

Die betriebliche Berufsausbildung: Ein Alternative zur Überakademisierung

In Zeiten der häufig heraufbeschworenen Überakademisierung der deutschen Volkswirtschaft mag ein jeder annehmen, dass die bis dato populärste Form des Einstiegs in das Berufsleben – die sogenannte Lehre oder auch Ausbildung – zumindest in die Jahre gekommen, wenn nicht sogar vollkommen obsolet geworden ist. Wie ist es wirklich um die betriebliche Berufsausbildung in Deutschland bestellt?

Man hört ihn immer wieder, diesen Satz: „Wir leiden an einer Überakademisierung, die Ausbildungsstellen sind nach wie vor unbesetzt“. Enttäuschte Verbände und mittelständige Unternehmen machen die steigende Anzahl an Studenten/innen üblicherweise zum Anfang eines jeden Wintersemesters dafür verantwortlich, dass ihre Ausbildungsplätze nicht besetzt werden konnten. Sowohl Quantität als auch Qualität der Bewerbungen ließen zu wünschen übrig, heißt es. Was ist dran an dieser Aussage?
Zunächst ist es unabdingbar, sich mit der vermeintlichen Überakademisierung auseinanderzusetzen, um zu klären, inwiefern sie einen (negativen) Einfluss auf die betriebliche Ausbildung hat. Der Trend zur Akademisierung junger Menschen liegt vor allem daran, dass Akademiker fast vor Arbeitslosigkeit gefeit sind (die Arbeitslosenquote von Akademikern beträgt etwa 2,5%) und ihr Verdienst im mittleren Alter durchschnittlich das 2,5-fache eines Ungelernten ausmacht. Das sind Statistiken und Perspektiven, die aufgrund ihrer Versprechen selbstverständlich die Aufmerksamkeit junger Menschen zu erregen wissen. Insofern liegt es schon fast auf der Hand, wofür sich der rational handelnde homo oeconomicus entscheidet, solange er nach der Schule noch nicht weiß, wozu genau er sich berufen fühlt.
Ein weiterer Grund für die Akademisierung ist der pädagogischen Ansatz der allgemeinbildenden Schulen. Es wird den Schüler/innen der Oberstufe, die sich offensichtlich in einer beruflichen Selbstfindungsphase befinden, immer wieder eingebläut, wie sie den richtigen Studiengang für sich finden – eine Verwirklichung in einer Berufsausbildung findet in der Regel keine Erwähnung.
Man könnte jetzt kurz innehalten und sich daran stören, warum man solch eine positive Situation für die Volkswirtschaft dermaßen kritisiert. Vollbeschäftigung, steigende Einkommen – das klingt doch nach erstrebenswerten Zielen, von deren Erreichung sowohl der einzelne Haushalt als auch der gesamte Staat profitieren? Ja, alles richtig. Doch die Unternehmen, die ihre Ausbildungsstellen nicht vergeben können, haben wir bei dieser Berechnung außer Acht gelassen. Dennoch stellt sich die berechtigte Frage: Muss ihrem Anteil wirklich eine solch gravierende Bedeutung zugeschrieben werden?

Die Antwort auf die Frage ist denkbar einfach: Ja, ihrem Anteil kommt eine überaus gravierende Bedeutung zu. Laut des Berufsbildungsberichts 2017 sind so viele Lehrstellen wie nie zuvor unbesetzt geblieben. Es ist die Rede von 43.500 Stellen, die vakant sind. Insofern haben Schulabgänger selten so gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz gehabt wie heute. Es sind besonders kleine Unternehmen in ländlichen Kreisen, die unter dem Überangebot an Ausbildungsplätzen leiden – es treibt die Jugendlichen wohl eher in die Städte. Oder treffender formuliert: Es treibt sie in die Universitäten der Städte, was die Nachfragelücke der betrieblichen Ausbildung erklärt.
Es wirkt paradox, dass trotz alledem 1,2 Millionen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren keine abgeschlossene Ausbildung hätten und auch nicht in der Schule oder im Studium seien. Wie kann das sein? Laut des Berichts seien „Passungsprobleme weiterhin eine große Herausforderung“. Die Bewerber würden den Ansprüchen der Unternehmen schlichtweg nicht genügen.
In dieser Hinsicht verlieren also sowohl Unternehmen (unbesetzte Ausbildungsstellen) als auch junge Menschen (mangelhafte Qualifikation). Auf der anderen Seite gewinnen sowohl Unternehmen (besetzte Führungsstellen durch ein Überangebot an Akademikern) als auch junge Menschen (aus denen gutbezahlte Akademiker geworden sind). Es ist folglich wichtig und nicht zuletzt Gegenstand der kommunalen Politik, Geringqualifizierte zu unterstützen, sodass sie den Anforderungen der Unternehmen genügen und infolgedessen wieder mehr Ausbildungsstellen besetzt werden können. Zudem kann es nicht schaden, auch in Schulen umfassend hinsichtlich des beruflichen Einstiegs aufzuklären: Ja, auch die Begriffe „Lehre“ oder „Ausbildung“ verlieren nicht an Wert, werden sie von Gymnasial- oder Schulleitern ausgesprochen. Sollte dies so umgesetzt werden können, gibt es in der Zukunft keine klassischen Verlierer mehr, wenn es um Schulabgänger und ihre „Abnehmer“ geht.
Wer sich also noch in der Orientierungsphase des beruflichen Einstiegs wiederfindet, dem ist zu raten, über den Tellerrand zu schauen und vielleicht nicht nur die zigtausenden Studiengänge in Erwägung zu ziehen. Zwar erweitert diese Vorgehensweise die Auswahlmöglichkeiten, doch vielleicht finden die Schulabgänger so ihre wahre Erfüllung.
Über Joshua Brauns 14 Artikel
Der Lektor, der sich für Sport, Reisen und Musik begeistert - und darüber auch gerne schreibt. Viel Spaß beim Lesen!

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*