Abschluss und was dann – Jura?

von Dario Scholz

Viele junge Menschen wissen nach ihrem Abitur nicht, was sie studieren sollen. Jura klingt für sie interessant: als Jurist lässt sich zweifelsohne viel Geld verdienen, international führende Großkanzleien wie Sullivan Cromwell oder Freshfields Bruckhaus Derringer locken mit einem Gehalt von über 100.000 Euro im ersten Jahr, und man genießt in der Gesellschaft ein hohes Prestige. Häufig unbedacht bleibt jedoch der Weg dorthin. Dieser ist steinig und schwer zu überblicken. Viele wissen nicht, worauf sie sich dabei einlassen.Lasst mich allerdings mit einigen Vorüberlegungen beginnen – wieso, weshalb und warum ich überhaupt Jura studiere. Wie diese Idee in meinem Kopf entstanden ist, frage ich mich auch heute noch regelmäßig.

Tatsächlich sind meine Eltern oder Großeltern keine Juristen, die mich zu diesem Fach inspiriert haben – meine Cousine hingegen begann ihr Jura-Studium, als ich noch nicht einmal die Mittelstufe des Gymnasiums beendet hatte. Anregende Gespräche am Weihnachtstisch über das, was ihr im Studium alltäglich wiederfährt, haben den Drang, das Selbige zu studieren, in mir forciert. Der Gedanke hat mich die nächsten Schuljahre auch nie losgelassen und ich habe immer mit eiserner Entschlossenheit gesagt: „Ich studiere Jura!“ Und nun sitze ich hier. Im großen Hörsaal der juristischen Fakultät. In meiner ersten Vorlesung saßen dann über 350 Studenten neben mir. Unser Professor sagte zu uns: „Gucken Sie nach links – schielen Sie nach rechts – diese zwei Studenten werden am Ende ihres Studiums – im Staatsexamen – nicht mehr neben Ihnen sitzen!“ Irrwitzigerweise ist dazu zu sagen: Er scheint Recht zu haben. Mittlerweile sind wir bereits weniger als 250 Studenten. Zu Beginn vom Jurastudium ist der planlose Abiturient zuerst einmal maßlos überfordert:

Es wird mit Begriffen um sich geworfen, die man ohne weiteres nicht begreift und man sieht sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Selbst unsere juristische Sprache und Ausdrucksweise ist eine völlig andere als die, die man im allgemeinen Sprachgebrauch gewohnt ist. Wer aus Langeweile mal einen juristischen Aufsatz lesen möchte, wird sich hinterher wundern, was das Problem des Autors zu sein vermag. Die Beziehung der Juristen zur Sprache ist eine eigenartige Welt für sich. Oft wird einem angehenden Juristen vorgeworfen: „Jura ist das stumpfe Auswendiglernen von Gesetzen“. Diese Aussage trifft nur leider in keiner Weise zu. Bis jetzt – ich befinde mich im 3. Semester – musste ich noch kein Gesetz auswendig lernen. Bei Jura geht es vielmehr darum, Gesetze anzuwenden – verschiedene Tatbestände zu kombinieren, Verordnungen und Normen auszulegen. In den Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften werden Fallkonstellationen bearbeitet, deren Lösungen meist nicht eindeutig sind und über die häufig auch unter Juristen heftig gestritten wird – diese Meinungsstreitigkeiten sind die Kür, die den Großteil des Studiums ausmachen.

Der Student versucht ein Gespür für juristische Streitigkeiten zu entwickeln, setzt sich mit der Erstellung von Rechtsgutachten auseinander und studiert aktuelle und alte Rechtsprechungen. In Deutschland gliedert sich das Studium in die drei großen Rechtsgebiete: Zivilrecht, öffentliches Recht und Strafrecht. Alle drei Gebiete werden das gesamte Studium über behandelt. Das Studium startet mit dem Grundstudium, welches in Bremen zwei Semester dauert. Dieses schließt man mit der juristischen Zwischenprüfung ab.

Dafür muss im 1. Semester eine Hausarbeit verfasst werden und im 2. Semester 4 Klausuren über den Stoff des gesamten 1. Jahres bestanden werden. Beispielsweise hatten wir in der 1. Prüfung im Öffentlichen Recht während der Zwischenprüfung eine Durchfallquote von 70 Prozent. Der Punkteschnitt lag bei etwa 5 Punkten. Dazu muss man sagen, dass das juristische Benotungssystem 18 Punkte als Bestnote definiert. Zwischen dem „gut“ und „befriedigend“ gibt es allerdings anders als beim Abitur noch ein „vollbefriedigend“. Jurastudenten spielen gerne das Spiel „4 gewinnt“, denn mit 4 Punkten gilt eine Prüfung als bestanden. Mit 9-10 Punkten gehört man schon zur Jahrgangsspitze, vergleichbar mit einem „Sehr gut“ in der Schule. Ja, ihr habt richtig gelesen: Die Hälfte der zu erreichenden Punktzahl. Trotzdem schaffen es die wenigsten, nur etwa die besten 15-20 Prozent. Nach  9 Semestern beendet der vorbildliche Student das Studium mit dem 1. Staatsexamen. Will man Richter, Anwalt oder Staatsanwalt werden, so muss man auch das 2. Staatsexamen ablegen. Dafür muss man vorher eine 2-jährige praktische Ausbildung, das Referendariat, durchlaufen.

Für den Staatsdienst oder Großkanzleien sollte man allerdings in beiden Examina mindestens einen 9-Punkte Schnitt erreichen. Doch neben der anstrengenden Paukerei und dem Meinungsstreitbüffeln hat das Jura-Studium auch andere Seiten. Von ELSA, der europäischen Jurastudentenvereinigung, gibt es beispielweise häufig Veranstaltungen aller Art. Von Weihnachtsfeiern, Podiumsdiskussion bis hin zu internationalen Delegationen für Mitglieder. Im November nahm ich etwa an einer mehrtätigen Konferenz zum Thema „M&A“, also zu Mergers & Acquisitions (Englisch für Unternehmensfusionen und -käufe) in Passau teil.

 

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