„Alles in Richtung Olympia 2020 ausgerichtet“

ein Interview mit Justus Nieschlag

Erststartrecht beim Lehrter SV und Zweitstartrecht in der Bundesliga bei EJOT Triathlon Buschhütten. Trainiert wird Justus Nieschlag von Dan Lorang, dem ehemaligen Bundestrainer des letzten Olympiazyklus im Triathlon, der jetzt beim Pro radteam Bora-Hangsrohe unter Vertrag ist und ausgewählte Triathleten wie Jan Frodeno, Anne Haug oder Justus Nieschlag trainiert. Gerade gewann Nieschlag seinen ersten Weltcup im spanischen Huelva.

Du bist erneut Deutscher Meister in der Sprintdistanz im Triathlon geworden. Hast du damit gerechnet und wie fühlt sich das an? Damit gerechnet habe ich nicht, weil ich wusste, dass zum Beispiel Jonathan Zipf stark ist. Jonathan kann sehr gut laufen und als ich im Rennen gesehen habe, dass er weit vorne aus dem Wasser gekommen ist, wollte ich es nicht auf eine Laufentscheidung ankommen lassen. Aber klar, die Ambitionen weit oben zu landen, hatte ich schon und mir auch zugetraut, die anderen Athleten soweit in Schach zu halten – außer Jonathan Zipf beim Laufen. Deshalb habe ich dann auch eine neue Renntaktik für mich ausprobiert, die dann zum Glück auch gut funktioniert hat. Ich habe mir einfach ein Herz genommen und auf dem Rad eine Solofahrt hingelegt. So konnte ich auf dem technisch anspruchsvollen Kurs um die 20 Sekunden rausholen. Der Vorsprung hat dann für die Laufstrecke gereicht.

Triathlon gilt als eine der aufwendigsten Sportarten. Wie sieht eine typische Trainingswoche in der Vorbereitungsphase aus? Bei mir sieht das meistens so aus, dass ich montags und freitags meine Entlastungstage habe, an denen nur ein etwa zweistündiges Kraft- und Athletiktraining auf dem Programm steht. Die intensiven Einheiten mache ich dann Dienstag, Donnerstag und Samstag. Dann stehen häufig schnelles Schwimmen, Tempoläufe oder intensives Radfahren auf dem Programm. Koppelläufe mache ich auch, weil die Belastungen dabei hintereinander stattfinden, also erst das Radfahren und daran anschließend das Laufen. Mittwoch und Sonntag konzentriere ich mich dann eher darauf, Grundlagen aufzubauen, indem ich umfangreiche Einheiten absolviere – sowohl im Schwimmen als auch im Radfahren und Laufen. Summa Summarum komme ich aktuell auf 20 Kilometer Schwimmen die Woche, was relativ wenig ist, weil ich lange Zeit Probleme mit meiner Schulter hatte und deshalb noch nicht so viele Kilometer im Becken realisieren kann.

Du studierst nebenbei Sportwissenschaften in Saarbrücken. Wie bekommst du diesen Aufwand unter einen Hut? In den letzten Zügen wurde das Studium bei mir ein wenig entspannter und ich habe es auch gestreckt, sodass ich im Endeffekt acht Semester lang studiert habe. 2016 hat es mir jedoch den Stecker gezogen und da hatte ich eine Phase mit Übertraining und Burnout, was definitiv psychisch bedingt war. Da kam neben dem Training und der Uni dann auch noch die Quali kationsphase für Olympia dazu, was den sportlichen Druck auch nochmal erhöht hat. Ich war überfordert und mein Körper hat gesagt, es geht nicht mehr. Drei Monate war Schicht im Schacht, erst danach ging es für mich wieder weiter. In der zweiten Hälfte der Saison bin ich jedoch direkt Deutscher Meister geworden, nachdem ich wieder eingestiegen bin – auch ein gutes Grand Final hatte ich noch. Jetzt bin ich erstmal mit dem Bachelor-Studium durch und möchte mich auf den Sport fokussieren, damit ich nochmal alles in Richtung Olympia 2020 ausrichten kann. Gerade durch das Burnout habe ich gemerkt, dass die Uni doch eine große Zusatzbelastung ist und ich meinen Fokus richtig setzen muss.

Du hast bei vielen Weltcup-Rennen oder in der World Triathlon Series (WTS) vordere Platzierungen erreicht und wurdest 2015 im Gesamtranking 23. Kann der Sprung auf das Podium noch folgen? 2015 war ein wirklich gutes Jahr für mich, wo ich auch Top-Ten Platzierungen hatte oder dicht dran war. 2016 lief es kurzzeitig nicht so gut und im letzten Jahr bin ich 4. beim Weltcuprennen in Cagliari geworden und 5. beim WTS-Rennen in Stockholm. Die WTS ist wie die FN in der Formel 1. Darunter gibt es dann einzelne Weltcup-Rennen und Europa-Cup-Rennen. Bei der WTS muss vieles zusammenkommen, damit ich den Sprung auf das Podium schaffe, obwohl ich ja in Stockholm schon gezeigt habe, dass es möglich ist und einen herausragenden fünften Platz erzielt habe. Deshalb ist nichts in den nächsten Jahren ausgeschlossen.

Du warst bei den Olympischen Spielen in Rio nicht dabei. Woran lag das und wie groß war die Enttäuschung? Vor allem an der schwierigen Phase im letzten Jahr, allerdings wäre es ohnehin äußerst schwierig geworden. Dafür hätte ich mich offiziell qualifizieren müssen durch eine Top-Acht-Platzierung bei einem WTS-Rennen, was ich bis dahin ja noch nicht geschafft hatte. Und selbst wenn ich knapp an eine solche Platzierung herangekommen wäre, hätte es wahrscheinlich nicht gereicht, weil andere Männer aus Deutschland einen 14. Platz erreicht haben und nicht mit nach Rio genommen wur- den. Es gab dann auch noch einen Rechtsstreit zwischen Athleten und dem Deutschen Triathlon Verband um die Vergabe der Olympia-Plätze. Im Endeffekt war es dann so, dass bei den Männern gar kein deutscher Triathlet am Start war und bei den Frauen zwei Athletinnen. Dennoch kann der Verband auch ohne die Erfüllung der Qualifikationsnormen Athleten vorschlagen, wenn es zum Beispiel knapp war und eine gute Perspektive besteht. Bei den Frauen hat es sich ergeben, dass neben Anne Haug, die sich regulär qualifiziert hatte, noch Laura Lindemann mitgenommen wurde, wobei es da noch zu dem besagten Rechtsstreit kam.

Olympia 2020 in Tokio – ist das das große Ziel? Ich hoffe darauf, dass ich für Olympia 2020 alle Kriterien erfülle, sodass es da gar nicht zu irgendwelchen Diskussionen kommt. Dennoch sollte es aus meiner Sicht so sein, dass die Kriterien vor Gericht nicht anfechtbar sind – es sollten klare Kriterien sein. Vielleicht wäre es auch gut, wenn die Kriterien für die Qualifikation nicht so hart wären, damit es erst gar nicht zu den Streitereien kommt und wir am Ende bei Olympia im Triathlon ohne Männer an den Start gehen, was wirklich eine traurige Angelegenheit war.

Der Triathlon besteht aus drei verschiedenen Sportarten. Warum hast du dich nicht auf eine Sportart spezialisiert? Was ist so faszinierend an der Kombination? Ich habe die Sportarten früher teilweise auch einzeln betrieben – ich war im Schwimmverein und in der Leichtathletik tätig. Nebenbei habe ich noch geturnt, aber dann kam irgendwann der Punkt, an dem eine Triathlonabteilung im Verein gegründet wurde. Das habe ich dann ausprobiert und es hat mir von Anfang an sehr gefallen. Ich war auch deutlich erfolgreicher als in den Einzeldisziplinen. Gerade beim Schwimmen war es immer so, dass meist das ganze Wochenende für einen Wettkampf verplant war. Beim Triathlon ist man draußen in der Natur, hat ein Rennen, freut sich und fährt wieder nach Hause. Trotzdem hat man noch was vom Wochenende. Die Abwechslung im Training ist auch faszinierend, da man drei Sportarten unter einen Hut bringen muss und mit Athletiktraining sogar noch eine vierte Baustelle hat, an der man arbeiten kann.

Was würdest du als dein schönstes Erlebnis im Triathlon angeben? Da sind mir auf jeden Fall die Erfolge im Jahr 2011 im Kopf geblieben, wo ich bei den Junioren Europameister und Vize-Weltmeister geworden bin. Bei der Europameisterschaft habe ich meinen Abiball verpasst, aber das hat sich ja irgendwie gelohnt. An dem Abend habe ich noch mit einem Kumpel geschrieben, der gerade auf dem Abiball war. Ich war zu dem Zeitpunkt auf der After-Race-Party der Europameisterschaft und durfte meinen Titel feiern. 2015 war auch gut mit den Top-Ten-Platzierungen in der WTS und gerade letztes Jahr der 5. Platz in der WTS und der Titel des Deutschen Meisters mit einem sehr ungewöhnlichen Rennverlauf sind Ereignisse, an die ich mich gerne erinnere.

Du kennst die Tiefschläge durch Verletzungen. Wie gehst du mit ihnen um? Das Sprichwort „Sport ist Mord“ trifft da teilweise schon ganz gut zu. Gerade im Leistungssport ist es so, dass man irgendetwas falsch gemacht hat, wenn man morgens aufsteht und sich richtig gut fühlt. Es ist normal, dass man im Leistungssport aufsteht und einem irgendwo etwas wehtut. Ich hatte auch dieses Jahr eini- ge kleinere Verletzungen, momentan auch an der Achillessehne. Wichtig ist, dass man aufpasst, dass man es nicht komplett kaputt macht und ein entlastendes Training für die Verletzung einbaut. So kann man häu g Athletiktraining machen. Im Triathlon ist ja das Coole, dass man immer zwischen drei Sportarten auswählen kann. Bei einer Laufverletzung kann man dann relativ viel durch das Radfahren kompensieren. Deshalb ist es wichtig, dass man sich nicht entmutigen lässt. Bei meinem Burnout habe ich mich dann für die drei Monate mal nur auf das Studium und andere Dinge konzentriert, die nichts mit dem Sport zu tun haben. Nur so habe ich es geschafft, den Kopf freizubekommen und mit Rückschlägen besser umzugehen.

Du lebst aktuell vom Sport. Empfindest du die Auf- merksamkeit für deinen Sport als gerecht? Der Triathlon hat sicher deutlich an Aufmerksamkeit dazugewonnen. Allerdings muss ich auch sagen, dass bei uns auf der Kurzstrecke die Aufmerksamkeit noch relativ gering ist und sich vieles auf die Langstrecke konzentriert. Das Image hat auch durch den Vergabeskandal und weitere Gerichtsverhandlungen im letzten Jahr gelitten. Aber gerade auf der Langdistanz sind wir sehr erfolg- reich und gut vertreten. Wenn man erzählt, dass man Triathlet ist, denken alle sofort immer an Hawaii. Das ist ein bisschen schade, aber wir arbeiten daran, auch die Kurzstrecke bekannter zu machen.

Ist denn der Sprung auf die Langdistanz eine Option für dich? Ja, also ich kann mir das schon vorstellen und habe Bock darauf. Ich zähle also zu denjenigen auf der Kurzstrecke, die sagen, dass sie auch die Langstrecke machen würden. Zum Saisonabschluss 2017 habe ich noch eine Mitteldistanz gemacht, da man das noch gut mit dem Training für die Kurstrecke harmonieren kann. Man kann schon mal ein bisschen schnuppern, auch Radfahren ohne Windschatten, was auch ganz cool ist. Ich kann mir das gut vorstellen.

Womit motivierst du dich für all das harte Training um im Wettkampf in Topform zu sein?
Die größte Motivation ist für mich, dass man Sport in der Gruppe macht. Alleine wäre das schon manchmal sehr zäh. Wenn man weiß, dass gleich zur Einheit deine Trainingskollegen kommen und die das mit dir zusammen durchziehen, dann geht das leichter als allein. Im Sommer ist es sowieso kein Problem, wenn die Sonne scheint. Wenn es dann doch mal gar nicht läuft, dann denke ich an gute Momente in der Saison zurück und halte mir dadurch vor Augen, warum ich das eigentlich mache und dass ich Bock darauf habe. Andere Leute gehen ins Büro und wir gehen trainieren.

von Florian Krüger

Über Florian Krüger 74 Artikel
Der Chefredakteur, der den Stift immer zur Hand hat und vor lauter Ideen fast das Schreiben vergisst - aber hat ja geklappt! Voilà ...

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