Böhmermanns Coup

Ein Kommentar von Joshua Brauns

© ZDF NEO

Jan Böhmermann – dieser Name ist momentan in aller Munde. Und dieser Name, der von einem dünnen und blassen Satiriker getragen wird, spaltet sowohl die Nation als auch die Regierung. Denn diesem Mann ist ein Coup gelungen, den viele nicht verstehen.

Zugegeben, ich bin ein Fan von Jan Böhmermann – ich kann also nicht ganz objektiv kommentieren. Aber das ist ja auch nie der Anspruch eines Kommentars. Wie dem auch sei: Als Kind bin ich durch seine Unterhaltungsreihe „Lukas Tagebuch“ auf seinen Namen gestoßen, als Jugendlicher habe ich die „Förderschulklassenfahrt“ mit Klaas Heufer-Umlauf rauf und runter gehört und seit über einem Jahr bin ich ein treuer Zuschauer des Neo Magazin Royals. Eben der besagten Sendung, in der Böhmermann sein Schmähgedicht präsentiert hat, das höhere Wellen als ein Tsunami geschlagen hat.

Nun, es ist zunächst einmal wichtig, das Gedicht im Kontext (der Sendung) zu sehen.
Böhmermann teilt im Neo Magazin Royal jeden Donnerstag gegen jeden aus. Gegen die Sachsen, gegen die Saarländer, die AfD, Merkel, Internetrambos, Rapper. Gegen jede gesellschaftliche Gruppe und Personen, um es auf den Punkt zu bringen.

Nun war also der türkische Präsident Erdogan an der Reihe. Er ist damit nicht der erste Machthaber, auf den es Böhmermann abgesehen hat. Vor nicht allzu langer Zeit hat er schon den griechischen Finanzminister Yannis Varoufakis durch den Kakao gezogen – und den deutschen Journalismus (in Form von Günther Jauchs Polit-Talk) gleich mit. Auch mit seinem Millionenklicks-Hit „Ich hab Polizei“ prangert er die Exekutive seines eigenen Staates an – aber darüber soll es jetzt gar nicht gehen. Zurück zu Varoufakis: Der griechische Politiker ist heute nicht mehr im Amt – man könnte Böhmermanns Aktion und die Konsequenzen dieser als einen der Faktoren für Varousfakis Rücktritt in Erwägung ziehen. So gesehen hätte ein deutscher TV-Satiriker die Kredibilität eines griechischen Machthabers degradiert – des Politikers wichtigstes Gut. Und hat dafür im Endeffekt eine Menge Lob eingeheimst, auch in Form eines Grimme-Preises. Weil er sich die Kunstfreiheit zunutze gemacht hat, die ihm im aktuellen Fall streitig gemacht wird.

Es ist richtig, dass Böhmermann mit dem Schmähgedicht über Erdogan auf den ersten Blick verbal total übertrieben hat. Es kommen stumpfsinnige Beleidigungen wie „Ziegenficker“ oder „Schrumpel-Klöten“ in einer absurden Akkumulation vor.

Wenn man dieses Gedicht sieht, ohne den Kontext in Erwägung zu ziehen, hielte ich eine Verurteilung Böhmermanns wegen Beleidigung eines Staatsoberhaupts für gerechtfertigt. Da man allerdings (und die deutsche Justiz erst recht)  nicht daran vorbeikommen, das Gedicht in die richtige Situation einzuordnen, kann, darf und muss man das Gedicht als Stück Kunst bewerten.Böhmermann will bloß aufzeigen, was in Deutschland erlaubt ist und was nicht – und damit indirekt implizieren, was in der Türkei falsch läuft. Das sagte er in der Sendung sogar wortwörtlich so. Die Aneinanderreihung von beleidigenden Begriffen ist stumpfsinnig und kindergartenmäßig – darüber wird er sich auch vor der Aufzeichnung durchaus im Klaren gewesen sein.

Er hat diese Worte bewusst gewählt, um zu zeigen, dass er sie nicht ernst meint. Er hat diese Worte gewählt, um mehr Aufmerksamkeit in Richtung Erdogans Zensurpolitik zu lenken.

 

Böhmermann hat stets das größere Bild im Kopf, das er manchmal runterbrechen muss, um die nötige Aufmerksamkeit zu kriegen, um dann wiederum Missstände anzuprangern und somit vielleicht seinen Teil zur Besserung der Welt beizutragen. Konkret bedeutet das, dass Politiker ihr Verhalten und ihre Einstellungen reflektieren und überdenken sollen – durch Schmähgedichte, oder animierte Mittelfinger, wie es ihm im Fall Varoufakis gelungen ist.

Nun darf man ihn dafür nicht verurteilen, die Missstände in der Zensurpolitik der Türkei anzuprangern. Böhmermann hat sich lediglich auf die Meinungs- und Pressefreiheit (Artikel 5 im Grundgesetz) berufen, die wichtiger ist, als Paragraph 103 aus dem 19. Jahrhundert, der sowieso nach dem Prozess abgeschafft wird und von einem Politiker benutzt wird, der lieber mal seine eigene Verfassung genauer unter die Lupe nehmen sollte …

Es würde einer Niederlage für die Meinungs- und Kunstfreiheit der BRD gleichkommen, sollte Böhmermann für seinen Coup nicht freigesprochen werden. Wenn es soweit kommt, wandere ich direkt nach Nordkorea aus!

#derletztesatzistsatire #freeboehmi #jesuisboehmi
Über Joshua Brauns 14 Artikel
Der Lektor, der sich für Sport, Reisen und Musik begeistert - und darüber auch gerne schreibt. Viel Spaß beim Lesen!

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