„Das analoge Leben wird der Luxus von morgen sein“

das Interview führten Marie Hilken & Florian Krüger

© Olaf Heine 2009

Einer unserer Leser meinte, dass Silly für ihn „Ostmusik und DDR“ sei. Wie reagieren Sie auf solche Aussagen?

Anna Loos: Das lässt mich kalt, weil es die Band zwar in der DDR gab, aber in einer anderen Formation, mit einer anderen Sängerin und vor allem auch in einem ganz anderen System. In der DDR durfte man nicht so viel sagen und das hatte zur Folge, dass eine ganz andere Text- und Kunstkultur entstanden ist, weil die Leute sehr genau hingehört haben, was so zwischen den Zeilen steht. Dann gab es die Wiedervereinigung, was jetzt auch schon 25 Jahre her ist und danach hat die Band erstmal zehn Jahre lang nichts gemacht, weil die Sängerin gestorben ist. Dann haben wir uns in der Formation gefunden und so bestehen wir jetzt auch schon seit zehn Jahren. Im Grunde genommen sind wir eine Berliner Band.

Ja.., wir haben unsere Wurzeln im Osten, aber wir leben im Hier und Jetzt, genau wie unsere Musik und unsere Texte. Wir stellen Fragen! In der Band kursieren viele Themen und immer wenn etwas bei uns einen intensiven Kreis zieht, entsteht daraus ein Text.  „Vaterland“ entstand zum Beispiel in einem Griechenlandurlaub. Ein Song gegen die Waffenindustrie und gegen alle, die dafür sorgen, dass so viele Waffen ins Ausland verkauft werden. Das hat nichts mehr mit der DDR zu tun. Unsere Wurzeln sind unsere Wurzeln, aber wir leben 2016 im Hier und Jetzt und die DDR gibt es nicht mehr! Damals konnte man in der DDR nicht alles sagen und musste Themen zwischen den Zeilen verpacken und alle hingen einem an den Lippen. Heute kann man alles sagen, daher hat sich auch das Zuhören verändert.

Barton: Und das ist auch nicht mehr das Ding der Zeit, das muss man ganz klar sagen. Aber es ist doch auch absurd, dass wir zu Zeiten der DDR round about 10 Jahre, sogar ein bisschen weniger, aktiv waren. Jetzt sind es schon 25 Jahre nach der Wende, zehn Jahre, die wir mit Anna unterwegs sind und wir haben drei gemeinsame Alben rausgebracht. Wir halten uns bewusst fern von rein nostalgisch gefärbten Veranstaltungen.

Loos: Mich nervt unglaublich, dass jegliche Musik der DDR in einen Topf geschmissen wird. Das wäre so, als ob man Schlager auch zu Rockmusik zählen würde. Also ich sag mal so: Wenn jemand auf einem unserer Konzerte eine DDR-Fahne auspacken würde, dann hätten wir etwas falsch gemacht.

Früher musste Silly „grüne Elefanten“ in die Texte einbauen, welches offensichtlich systemkritische Aussagen waren, die dann von der Kontrollstelle sicher gestrichen wurden, um dem Zuhörer subtilere, kritische Botschaften zu überbringen. Heute ist das nicht mehr so – es gibt so viel Kritik und jeder sagt seine Meinung. Erreicht man die Leute überhaupt noch zwischen all den Medien und verschiedenen Meinungen?

Loos: Auf jeden Fall ist es schwieriger, die Leute zu erreichen. Einerseits durch das große Angebot und andererseits durch unsere schnellere Zeit. Als ich klein war, ist man noch in den Plattenladen gegangen und hat geguckt, welche neuen Platten es gibt oder hat sich bei seinen Freunden erkundigt, ob eine neue West-Platte erschienen ist. Heute stehen die Kids auf dem Schulhof und teilen einen Song per Smartphone an alle.

Wir sind eine Album-Band und bringen nicht nur ein, zwei Singles raus. Das ist einfach wahnsinnig viel Herzblut, weil wir so viele Aspekte bedenken. Und nach der ganzen Arbeit will man es den Leuten dann präsentieren. Für uns ist das kein normaler Job, sondern eine Lebensaufgabe. Du hast Bock darauf, das zu machen, was in dir drin ist und daraus Alben entstehen zu lassen. Du willst damit auf Tour gehen, es mit Leuten gemeinsam erleben. Nach jedem Album denkt man sich aber auch wieder, dass man gewisse Dinge anders hätte machen können und so steckt man schon wieder im nächsten Album drin – das ist wie eine Sucht.

Das Album „Wutfänger“ enthält viele sozialkritische Ansätze. Was macht Wut mit dem Menschen und wie lässt sich diese Wut bekämpfen?

Barton: Die Antwort ist natürlich nicht leicht oder möglicherweise gar nicht zu beantworten. Das Wichtige ist jedoch, sich diese Frage immer mal wieder zu stellen und damit auch andere Leute anzustacheln, damit diese für sich selbst reflektieren, was richtig läuft und was nicht.

Loos: Wenn man über Wut redet, dann ist diese allgegenwärtig. Wut und Angst sind akute Themen unserer Gesellschaft, nicht nur durch den Terror und den Extremismus. Extremismus und Wut gibt es schon so lange und darum dreht sich der Song. Es geht darum, sich Fragen zu stellen: Wie entsteht Wut, wo kommt sie her? Und wie kann man Wut in was Konstruktives umwandeln? Ich glaube, als Künstler sind wir mehr Fragensteller als Antwortengeber. Wir sind ja selbst Teil der Gesellschaft und uns ist es wichtig, dass wir bei uns selber hin und wieder den Reset-Knopf drücken. Sonst dreht man sich immer wieder um sich selber.

Sie üben auf dem Album handfeste Kritik – wie kommt man dann dazu, in einem Song wie „9 Dimensionen“, plötzlich alles in Frage zu stellen? Demnach gibt es ja auch die Kritik nicht.

Barton: Oh ja, das höre ich gerade zum ersten Mal, aber das ist ein interessanter Gedankenansatz. Im Grunde genommen haben wir die Themen nicht miteinander verbunden.

Loos: Du hast total Recht, wenn es nichts Schlechtes gibt, muss man ja auch nichts kritisieren. Es ist so, dass Ritchie (Barton Anm. d. Red.) und ich viel Zeit gemeinsam im Studio beim Komponieren verbringen. Da sitzen wir gerne mal ein paar Stunden, arbeiten Ideen aus und dann gibt es auch Momente, in denen man feststeckt und dann hilft uns Ablenkung. Gerne dann auch mal eine Quantenphysik-Doku, die Ritchie gesehen hatte und aus der die Idee für den Song entstand.

Barton: Ich habe am Vorabend irgendwas zu dem Thema gesehen und die Doku mit ins Studio gebracht und diese mit Anna nochmal geguckt. Wir haben uns richtig vertieft und das Thema der Mehrdimensionalität hat uns dann so fasziniert, dass wir daraus einen Song gemacht haben.

Loos: Multiuniversen sind eine tolle Theorie, in die ich sehr verliebt bin. Große Physiker unserer Zeit glauben an die Existenz von Multiuniversen. Ganz ehrlich: Hin und wieder muss man mal zwei Blätter Papier nehmen. Auf das eine Blatt Papier schreibt man die Dinge, die einem wirklich wichtig sind, wie Freunde, Familie … Auf das andere schreibt man die Dinge, um die sich auch sehr viel dreht, die man aber eigentlich gar nicht braucht. Und dann resetted man seine eigenen Dimensionen, durch die Vorstellung von Multiuniversen.

Der Klang des Albums geht so ein bisschen „back to the roots“, wie z.B. der Einsatz des alten Teisco-Keyboards oder dem klassischen Flügel. Die Texte gehen mit der Zeit und die Musik blendet die zunehmende Digitalisierung größtenteils aus. Widersprüchliches Konzept oder gewollter Kontrast?

Loos: Das analoge Leben wird der Luxus von morgen sein. Wir haben mit Mic Schröder einen Produzentenwechsel vollzogen. Einer der Gründe für diesen Wechsel war die Sehnsucht außer an Kompositionen und Textarbeit mit einem Produzenten auch eine Reise durch die Welt der Analogie zu machen, Räume zu testen. Jemanden, der mit uns all diese alten Instrumente aufbauen kann und weiß, sie zu nehmen, damit am Ende ein optimaler Klang garantiert ist. All das Mikrofonieren und das Testen ist ein tierischer Aufwand – ganz anders als einfach nur ein Sample oder ein Plug-In aufzumachen und das abzuspielen.

Barton: Nehmen wir mal ein Wurlitzer Piano aus dem Baujahr 1970. Es ist ein elektrisches Instrument, hat aber auch noch eine mechanische Tonerzeugung, die eine wesentlich größere Dynamik bietet. Auch die Haptik der Tastatur ist ganz wichtig, weil es das Spielen beeinflusst. Irgendwann wird all das Digitale langweilig, weil man die Sounds nicht mehr selbst baut, wie ich es noch in den 80er Jahren mit den analogen Synthesizern gemacht habe. Es wird einfach nur noch gedrückt und geguckt, ob es passt. Wir haben diese digitalen Möglichkeiten bei unserem letzten Album genutzt, aber für uns erkannt, dass es mit den alten Instrumenten der bessere Weg ist und man trotzdem gelegentlich beides kombinieren kann.  Aber wie Anna sagt, sind wir zu den Aufnahmen auch in vielen verschiedenen Räumen gewesen, was den Klang der Instrumente wesentlich beeinflusst.

Vielen Dank für das Interview!

Über Florian Krüger 65 Artikel
Der Chefredakteur, der den Stift immer zur Hand hat und vor lauter Ideen fast das Schreiben vergisst - aber hat ja geklappt! Voilà ...

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