„Ein wahres Kind der Leidenschaft“

Die Serie Wishlist landete mit der ersten Staffel einen riesigen Erfolg

Ihr habt die erste Staffel Wishlist ausgestrahlt und es wurde bekannt, dass die 2. Staffel für diesen Herbst vorgesehen ist. Wie fühlt sich das an?

Christina-Ann Zalamea: Auf jeden Fall nach viel Arbeit, weil wir gerade schon mittendrin sind und konzipieren und planen.
Marcel Becker-Neu: Deswegen haben wir auch später angerufen (lachen).
Marc Schießer: Das ist jetzt für uns ziemlich wenig Zeit, denn in den letzten Wochen waren wir auf einer Welle der Euphorie. Wir haben ja den deutschen Fernsehpreis gewonnen, die ganze Resonanz und all das Interesse für die Serie ist auf uns wie eine Welle eingeschwappt und jetzt müssen wir uns wieder parallel dazu auf die Arbeit fokussieren. Es ist praktisch ein Mix aus der Euphorie und den ganzen Drehvorbereitungen für die 2. Staffel, die im Herbst erscheinen wird.

Ihr seid alle im Alter der Zielgruppe und publiziert eine Serie mit 10 Folgen in 4K mit über 20 Schauspielern im Cast. Was waren die größten Herausforderungen?

Christina: Mit kleinen Mitteln die maximale Qualität rauszuholen. Wir haben uns alle drei in unseren Aufgaben durch zehn geteilt. Zum Beispiel hat Marcel selbst eine Hauptrolle gespielt, aber manch am Set auch die Aufnahmeleitung übernommen und ge- schrieben und die Musik komponiert. Marc als Regisseur hat das geschrieben, das ganze Ding geschnitten und die Produktion haben wir auch selbst gemacht.
Christina: Sounddesign und Masken haben wir auch gemacht. Ich habe auch mitgeschminkt, wenn wir nicht alle bezahlen konnten und nicht genügend Leute da waren. Ich kümmere mich noch um Social Media und um die Making-Of-Kamera. Wir haben uns also alle komplett aufgeopfert, um das Beste rauszuholen.
Marcel: Wir sind zwar das Kernteam, aber es war auch eine gigantische Teamleistung. Viele Leute aus dem Team kannten wir und mit ihnen waren wir schon vorher befreundet. Alle haben sich für die Serie sprichwörtlich den Hintern aufgerissen und keiner hat da finanziell in irgendeiner Weise wirklich von profitiert. So kitschig wie das klingt: Es war ein wahres „Kind der Leidenschaft“.
Marc: Ja, dafür haben wir echt geblutet und das hat sich jetzt total ausgezahlt, was für uns einfach nur megakrassgeil ist, dass alles so aufgegangen ist. Dass all unsere Arbeit zurückkommt, ist für uns unerwartet und total genial. Es ist auch unmöglich, da jetzt eine Herausforderung herauszupicken, denn es waren jeden Tag hunderte Herausforderungen, die wir bewältigen mussten. Wir hatten so viele Positionen inne und das ist halt schwierig, wenn man gleichzeitig Brötchen schmiert, Schauspieler ist, den Dreh organisiert und nachts noch eine Wand streicht für das Set, an dem man am nächsten Morgen dreht. Es war eine extrem krasse Phase und deshalb ist die Belohnung jetzt umso süßer.
Christina: Wir konnten es uns auf jeden Fall beweisen und für die zweite Staffel sieht jetzt Vieles um einiges besser aus.

Wishlist wurde an verschiedenen Schauplätzen in Wuppertal gedreht. Wie kam es zur Stadtwahl und was waren eure Lieblingsschauplätze?

Marcel: Der Großteil des Teams kommt aus Wuppertal – Marc und ich zum Beispiel sind Wuppertaler. Das war so der eine Punkt und der andere Punkt ist, dass Wuppertal als Filmmotiv in der Medienbranche noch nicht so erkannt wurde und noch nicht so etabliert ist wie Berlin oder Köln. Das war einfach ein Vorteil für uns, dass wir die ganzen coolen Locations hier abstauben konnten – die Schwebebahn, das Kalkwerk und einige andere. Das Kalkwerk in Oetelshofen war auch so unser aller Lieblingsdrehplatz. Das ist ein Steinbruch, wo ein gigantisches Loch im Boden ist und bestimmt einen Durchmesser von einem Kilometer hat. Wenn man davor steht, denkt man auch nur: Heidewitzka!

Soll Wuppertal wieder Schauplatz der 2. Staffel werden oder habt ihr eine Alternative auserkoren?

Marcel: Bangladesch dieses Mal (lacht)!
Christina: Tokio! Nein Quatsch – wieder in Wuppertal, wir haben die Figuren jetzt ja auch in Wuppertal erzählt und die beiden Herrschaften hier haben ja jetzt auch ihr erstes eigenes Büro dort bezogen.
Marcel: „Outside the Club“ heißt unsere Firma übrigens.
Marc: Aber wir bleiben nicht nur aus praktischen Gründen hier, sondern wir sind auch stolz darauf, dass auch die Figuren in der Serie offen zugeben, Wuppertaler zu sein, weil das etwas ist, wozu wenig Wuppertaler tatsächlich stehen. Diese coole Eigenschaft wollen wir nicht verlieren in Verbindung mit der Unverbrauchtheit der Location Wuppertal als Filmset. Es ist eben bewusst, dass es in so einer kleinen, urigen Stadt wie Wuppertal spielt und nicht im coolen Berlin oder im urbanen Köln. Diese Mischung aus verdreckten, versifften Assi-Gegenden, aber auch aus so schönen pittoresken Schauplätzen, die es hier in Wuppertal gibt – das macht den Charme aus.
Marcel: Da wir hier ja auch teilweise geboren sind, haben wir auch einen ganz anderen Blick auf die Stadt und schlagen halt nicht einfach nur einen Reiseführer auf.
Marc: Wenn es denn einen Reiseführer gäbe (lachen)!

Was könnt ihr allgemein zur 2. Staffel verraten? Ihr habt angekündigt, dass es Veränderungen geben wird. In welche Richtung werden diese gehen?
Christina: Der Ton wird auf jeden Fall um einiges düsterer. Aber wir wollen natürlich nicht zu viel verraten.
Marcel: Wir werden ein klein bisschen erwachsener und werden definitiv eine ganze Ecke mehr Drive haben. Es wird viel öfter und viel intensiver noch um die Wurst gehen. Wir wollen praktisch so jedes mögliche Gewerk für einen Film auffahren und noch so viele Schippen wie wir können oben drauflegen, damit die zweite Staffel maximal geil wird – noch viel besser als die erste.
Marc: Und um das jetzt nochmal mit so einem vollmundigen Produzentengewäsch abzurunden (lachen): Die spannendste Folge aus der erste Staffel ist unser Maßstab, denn so sollen alle Folgen der zweiten Staffel werden.

Ihr werdet von Funk unterstützt, dem Onlinepro- gramm von ARD und ZDF. Wie genau sah die Unterstützung aus?
Marcel: Geld (alle lachen).
Marc: Also es ist ja so, dass unsere Redaktion Radio Bremen ist. Radio Bremen begleitet mit dem MDR Sputnik unsere Produktion. Wir haben hauptsächlich mit Radio Bremen zu tun, weil das ganze ist für FUNK im Auftrag von Radio Bremen. Wir haben da ganz tolle Redakteure bei Radio Bremen und da können wir nur das Beste drüber sagen. Sozusagen die coolsten Redakteure, die man hätte abbekommen können, da sie uns relativ freie Hand lassen. Deshalb konnte das ganze so neu und frisch werden. Sie konnten sich ja auch vorher nicht hundertprozentig darauf verlassen, dass es klappt.
Marcel: Sie haben uns einfach eine Chance gegeben, denn es war unser erstes richtig großes Projekt und jetzt hat es sich für alle Seiten gelohnt.

Warum ist eure Serie nur online und nicht im TV, als DVD oder auf Netflix zu sehen? Und kommt das für euch in Zukunft in Frage?
Marc: Für uns gab es da anfangs gar nicht so die Frage, da Marcel und ich schon einen Kanal hatten, der „Vivi&denny“ heißt und dann hat uns Radio Bremen zu einem Pitch eingeladen und so kam das dann zustande – für eine Webserie. Wir hatten da schon ein bisschen Erfahrung, aber es war nur so ein Spaßprojekt. Wir können uns auch vorstellen, zunächst in dem Medium zu bleiben, aber wir wollen uns nicht limitieren.
Marcel: Wir wollen uns aber nicht explizit festlegen. Wir sind schon in einigen Gesprächen, was nach Wishlist mit uns und der Firma geschieht. Im Endeffekt soll es immer größer und besser werden und vielleicht wird es auch irgendwann mal eine Serie von uns geben, die statt 15-20-minütigen Folgen auf eine Länge von 45 Minuten kommt und bei Netflix läuft.

Ihr habt aktuell deutlich über 100.000 Abonnenten – wie ist diese Zahl zu bewerten?
Marc: Sehr gut!
Christina: Bevor wir alles online gestellt haben, haben wir auf solche Klickzahlen gehofft.
Marcel: Wir hatten mal ein loses Gespräch in einer Kneipe und haben darüber geredet, was für uns cool wäre und da haben wir uns so auf 50.000 Klicks pro Folge geeinigt. Jetzt gibt es Folgen, die haben zehnmal so viele Klicks oder mehr. Das ist für uns natürlich Wahnsinn. Der Kanal hat jetzt schon weit über 3 Millionen Views, mit allen Folgen zusammengerechnet.
Marc: Man darf auch nicht vergessen, dass es irgendwo ein Experiment war, denn so Serienfolgen von 20 Minuten waren auf YouTube etwas völlig Neues, da die Folgen ja auch aufeinander aufbauen. So hatten wir auch die Bedenken, dass es vielleicht einfach im Bezug auf das Medium YouTube als zu schwierig abgestempelt würde, um es mal eben auf der Arbeit nebenbei zu gucken. Diese Bedenken sind zum Glück nicht eingetreten.

Was wollt ihr den Zuschauern vor allem vermitteln?
Marcel: Wir sind nicht die Leute, die mit dem Zeigefinger irgendwo draufzeigen und sagen, das darfst du nicht. Wir wollten die Leute nicht belehren, denn unser Hauptauftrag war es, sie zu unterhalten. Aber natürlich ist auch eine Medienkritik darin zu finden. Vor allem wollen wir für die Zuschauer eine geile Zeit generieren.
Christina: Auch Genrecontent wollen wir bieten.
Marc: In Deutschland gibt es vor allem Krimis und Komödien und Mystery ist noch relativ wenig. Es war auch ein Auftrag von uns, mal so ganz amerikanisch zu erzählen und uns dafür auch nicht schämen, dass es ein Mystery-Thriller ist und es eine App gibt, die krasse Sachen kann.
Marcel: Die großen Themen sind irgendwie auch: Wo fängt Moral an und was würdest du für deine Wünsche tun? Der digitale Fingerabdruck spielt natürlich auch eine Rolle – was gibst du von deinen Daten preis und so weiter.

Ihr habt den deutschen Fernsehpreis im Bereich Nachwuchs, den Grimme-Preis und weitere Auszeichnungen gewonnen. Macht euch das stolz?
Christina: Voll verrückt. Wir haben es irgendwie immer noch nicht so ganz gecheckt. Es kommt noch nicht ganz bei mir an. Bei dem deutschen Preis hat uns Radio Bremen voll reingelegt. Die haben so gesagt, dass sie noch Karten für den Deutschen Fernsehpreis hätten und ob wir da nicht mal hinwollten. Und plötzlich stand dann der Moderator vor uns und wir durften als Gewinner auf die Bühne und uns bedanken. Wir wussten auch gar nicht, dass eine Webserie einen Fernsehpreis gewinnen kann.
Marcel: Es ist einfach unglaublich. Wir hätten wirk- lich niemals gedacht, dass wir in unserem Leben jemals so etwas erreichen werden. All die Preisnominierungen und die Aufmerksamkeit fühlt sich gerade für uns so an, als ob wir auf einem anderen Planeten wären – es ist für uns alle eine unfassbare Zeit.

Über Marie Hilken 12 Artikel
Die Fotografin und Designerin, die sich mit Begeisterung neuen Aufgaben annimmt und super gerne fotografiert.

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