Frankfurter Buchmesse – Literatur und Vielfalt

Wanted unterwegs auf der Buchmesse

© Frankfurter Buchmesse/Marc Jacquemin
Dieses Jahr eröffnete Angela Merkel gemeinsam mit Emmanuel Macron die Buchmesse und leitete damit die weltweit größte Bühne für Literatur ein. 286.000 Besucher fanden ihren Weg in die Messehallen Frankfurts und konnten sich ein Bild von den zahlreichen Angeboten und Veranstaltungen machen. Insgesamt gab es laut Veranstalter 7.300 Aussteller und über 4.000 Veranstaltungen. Es sind beachtliche Zahlen, die zeigen, dass die Bücher- und Medienwelt nach wie vor ein hochrelevantes Thema ist, welches neben dem Fachpublikum auch die Allgemeinheit in großen Scharen anlockt. Es gibt jedes Jahr einen Ehrengast, der in diesem Jahr Frankreich hieß und somit ein thematischer Schwerpunkt auf französischer Literatur lag, die dem Besucher an verschiedenen Standorten präsentiert wurde. 
So viel zu den Fakten – wir vom WANTED-Magazin wollten uns aber das Spektakel aus der Nähe anschauen und dem Angebot ein wenig auf den Zahn fühlen. Es ist schon beeindruckend, wenn man nach einigem Suchen endlich in den Messehallen ist und sich eine riesige Zahl an Ständen vor einem ausbreitet, die sich alle mit Büchern beschäftigen. Vor allem in Halle 3, wo es viel um Publikumsverlage und Belletristik ging, hatte man zeitweise den Eindruck, als befände man sich in einer überdimensionierten Buchhandlung (nur, dass man nichts kaufen kann, da dies nur am Ausstellungssonntag erlaubt ist). Viele bekannte Verlage reihen sich hier aneinander und wollen sich dem Publikum zeigen – klar, wer lässt sich das schon entgehen. Wir haben mit der Presseverantwortlichen für Sachbücher, Julia Kositzki (Ullstein Verlag), gesprochen, um einen Einblick in die Ausstellerperspektive zu gewinnen.
„Ein Popstar der Literatur“
Sie erzählte uns, dass eines der Highlights sei, dass Marc-Uwe Kling mit seinem neuen Roman und Hörbuch „Qualityland“ eine Lesung in der Alten Oper in Frankfurt abgehalten und am Tag danach eine Signierstunde am Messestand gegeben habe. „Es ist Wahnsinn, wie er die Massen begeistert. Er ist ein richtiger Popstar der Literatur“, meint sie und fügt hinzu: „Er hat richtig viele Fans, die auch sein Merchandising kaufen.“ Der Spiegel schrieb zu ihm: „Potenzial für literarischen Stadionpop“. Generell sei Marc-Uwe Kling jedoch eher ein ruhiger Typ, der den Erfolg zu schätzen wisse und die Hälfte seiner Einnahmen von der Tour an gemeinnützige Organisationen spende (Zuschauer können während der Show wählen, wohin die Eintrittsgelder gehen sollen).
„Wir als Verlag sind sehr breit aufgestellt und präsentieren uns daher auch dementsprechend auf der Buchmesse. Wir haben neben der Belletristik mit Unterhaltung und Literatur auch ein großes Sachbuchprogramm in petto.“ Ullstein gebe aber auch unter dem neuen Label „Ullstein fünf“ literarischen Newcomern eine Chance. Einer von diesen ist Felix Lobrecht, der mit seinem Roman „Sonne und Beton“ durchstarten will. Bekannt geworden ist er durch den Poetry Slam und seinem staubtrockenen Humor, den er als Berliner Junge auch sehr authentisch auf die Bühne bringt. Aus der Sicht von Julia Kositzki seien absolute Highlights im aktuellen Sachbuchprogramm das Buch „Unsere Revolution“ von Bernie Sanders, der ein großer Trump-Kritiker ist und bei den Demokraten gegen Hillary Clinton antrat, sowie diese ganz verschiedenen Neuerscheinungen aus allen Bereichen des Verlags: „Gefühle sind keine Krankheit“, „Loving Se Germans“, „Europa zuerst!“ oder „Scharia-Kapitalimus“.
„Die Interessen sind sehr vielfältig“ 
Danach ging es zum Stand von Bastei Lübbe (welcher sehr groß und eindrucksvoll die Zuschauer anlockt). Dort kamen wir mit der Vertriebsleiterin Andrea Ludorf ins Gespräch. Auf die Frage, wie die Erwartungshaltung an die Frankfurter Buchmesse sei, antwortet sie: „Wir sind ja seit Jahren auf der Buchmesse und dabei gibt es sehr vielfältige Interessen. Der Vertrieb will natürlich mit vielen großen Kunden sprechen und ihnen unser Programm vorstellen. Die Presseabteilung stellt Journalisten das neue Programm vor, veranstaltet Autorenlesungen und Signierstunden, lädt aber auch etwa Blogger zu Gesprächen ein.“ So kamen unter anderem Dan Brown für eine große Veranstaltung oder Rebecca Gablé für eine Signierstunde. Für Bastei Lübbe läuft es dieses Jahr richtig gut, denn sie haben gleich zwei Bestsellerautoren und beide waren auf der Messe vertreten – Dan Brown und Ken Follett belegen die vorderen Plätze der Hardcover-Bestsellerliste. „Das macht uns natürlich sehr stolz und führt zu einem großen Interesse der Öffentlichkeit. Somit ist viel los an unserem Stand“, erzählt Andrea Ludorf. „ Buchmesse bedeutet für uns auch Networkingund es geht gar nicht so sehr darum Bücher zu verkaufen, sondern primär darum, dass Kontakte gepflegt und geknüpft werden und wir mit Buchhändlern, Journalisten, Bloggern sprechen – aber auch für unsere Autoren und – nicht zuletzt – das Publikum da sind.“
„Messe hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt“
Ferner berichtet sie davon, dass sich die Messe verändert habe, denn ältere Vertriebskollegen hätten ihr davon berichtet, dass Kunden früher noch am Stand einen Auftrag geschrieben hätten – dass sei heute eher die Ausnahme.
Aber selbstverständlich besteht die Messe nicht nur aus den großen namenhaften Verlagen – sie will gerade auch die kleineren Verlage unterstützen, um die Vielfalt der Literaturbranche zu präsentieren. Dafür gibt es Stellen wie die Selfpublishing-Area oder den Indiecon-Magazin-Stand. Auch ein integriertes Festival mit dem Titel „The Arts+“ soll neue Entwicklungen und Trends aus der Kreativbranche ans Tageslicht befördern. Doch neben dem ganzen Lob wird auch Kritik fällig. Für den Besucher (vor allem an den überfüllten Messetagen, sprich Samstag und Sontag) ist es sehr schwer, sich zurechtzufinden. Das Gelände ist weitläufig und die Veranstaltungen so vielfältig, dass man in einigen Momenten einfach den Massen hinterhertrottet und im schlimmsten Fall nur eine Masse an Covern gesehen hat. Uns ging es so, dass wir erst im Nachhinein von spannenden Veranstaltungen der einzelnen Aussteller gehört hatten. Ein einheitliches und vor allem übersichtliches Programm wird hier nicht geboten. Lediglich ein Lageplan und einige Infos zu den Highlights gibt die Buchmesse den Besuchern mit auf den Weg, was aus unserer Sicht zu wenig ist. Schade, weil es unter den 4.000 Veranstaltungen und 7.300 Ausstellern wohl für jeden genau die richtige Veranstaltung gibt. In diesem Sinne überzeugte uns die Buchmesse, aber demonstrierte auch offensichtlich ihre Schwächen, die aufgrund der Masse an Ausstellern und Veranstaltungen entsteht. Würde man hier als Besucher noch mehr an die Hand genommen, würden sich vermutlich noch viel mehr Perlen offenbaren.
Über Florian Krüger 66 Artikel
Der Chefredakteur, der den Stift immer zur Hand hat und vor lauter Ideen fast das Schreiben vergisst - aber hat ja geklappt! Voilà ...

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