„Der unoberflächlichste Sport überhaupt“

Simon Teichmann im Interview auf der FIBO in Köln

Was erwartest du von der FIBO dieses Jahr?

Ich erwarte, dass viele Fans kommen, die mit mir sprechen wollen und denen ich weiterhelfen kann, indem ich ihre Fragen beantworte. Wir werden ganz viel Spaß zusammen haben. Für mich ist die FIBO kein Gewinngeschäft – wir wissen ganz genau, dass der Stand mehr Geld kostet, als dass er einnehmen wird. Mit dieser Erwartung bin ich hier aber auch nicht reingegangen. Wir möchten den Leuten, unseren Zuschauern, durch die FIBO etwas zurückgeben, da durch sie ja alles erst ermöglicht wird.

Du hast Psychologie studiert. Was sind die Motive der Jugendlichen im Internet, negative Kommentare und haltlose Spekulationen zu verbreiten?

Ich erkläre mir das so, dass ich krankhaften Narzissmus als Ursache für dieses Handeln ausmache. Man hat bei dieser Krankheit ein so starkes Bedürfnis, möglichst gut dazustehen, dass man versucht, Andere runterzumachen, um selber besser dazustehen. Es gibt ganz verschiedene Ausprägungen dieser Krankheit, die sich unter anderem auch in Cyberchats und Social Media zeigen. Fakt ist, dass Narzissmus ganz viel mit Verletzlichkeit zu tun hat, da man sich einer anderen Identität annimmt und seine eigene nicht genug wertgeschätzt fühlt. Ich lasse diesen Hate aber nicht an mich ran und nehme mir die Vorwürfe nicht zu Herzen, da ich ja weiß, dass sie nicht meiner individuellen Person gelten. Im Internet nimmt jeder eine Rolle ein und selbst wenn man den „Simon Teichmann“ im Internet kritisiert, gilt diese Kritik nicht meiner echten Person. Wenn ihr mich nach diesem Gespräch kritisieren würdet, wäre das wieder etwas ganz Anderes. Ehrlich gesagt, tun mir diese Leute aber leid, die unter der Krankheit leiden und ich würde sie da gerne rausholen. Der Ausweg aus dem Narzissmus ist es, Beziehungen zu schaffen und deswegen versuche ich, diesen Leuten die Hand zu reichen.

Du hast mit Body IP dein eigenes Unternehmen aufgebaut. Was ist die Botschaft der Marke und warum hat man vor Kurzem so viele Athleten und Gesichter verpflichtet?

Body IP ist ein Trainingssystem, das schon lange vor meinen YouTube-Videos entstanden ist. „Body IP“ ist wie die IP-Adresse individuell und soll als Metapher dafür gelten, dass jeder Körper anders ist. Ende letzten Jahres haben wir als Body IP eigene Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt gebracht und mit meinen doch schon knapp 35 Jahren habe ich Menschen gebraucht, die hinter meiner Philosophie und der Philosophie der Marke stehen. Diese Philosophie lautet: Gain with Brain. Es heißt, es sind Leute mit Sympathie, Köpfchen und ohne Steroide dazugekommen. Diese Leute sind heute die „Simon’s Eleven“, die auch aus Marketingsicht als In uencer eine wichtige Rolle einnehmen. Aber – und das war mir besonders wichtig: Es sind alles Leute, die freiwillig zu mir gekommen sind, die wirklich zu mir wollten, und nicht welche, die ich bloß auf Grund ihrer Reichweite selbst ausgewählt habe. Das Ziel ist es langfristig, die Marke möglichst groß zu machen.

Gerade auf der FIBO sind unzählige andere Wettbewerber aus der Branche vertreten. Warum sollten In- teressierte ausgerechnet zu deinen Produkten greifen?

Ich habe meine Supplements auf den Markt gebracht, weil ich mit keiner anderen Supplement-Linie eines Herstellers voll zufrieden war. Ich habe viele andere hochdotierte Sponsoring-Anfragen weiterer Hersteller bekommen, die ich leider ausschlagen musste, weil ich hinter keinem dieser Produkte zu 100% stehen konnte. Da dachte ich, dass ich meine eigenen Supplements entwickeln sollte. Als Athlet will man nicht nach dem Training fünf verschiedene Ergänzungsmittel zu sich nehmen, also habe ich ein All-in-One-Pulver kreiert, das alle wichtigen Nährstoffe unmittelbar nach dem Training abdeckt. Ich habe also in erster Linie meine eigenen Bedürfnisse befriedigt, und freue mich zu sehen, dass auch Andere meine Bedürfnisse haben.

Seit 20 Jahren Fitnesssport

Seit 20 Jahren mache ich diesen Sport nun schon und seit 18 Jahren konsumiere ich Supplements, daher denke ich, dass ich inzwischen ganz gut einschätzen kann, welche Nährstoffe ein Sportler nach dem Training braucht. Es handelt sich hierbei nicht um eine Geheimformel – es ist durch viele Studien belegt, dass etwa Kreatin nach dem Training mehr Sinn macht, weil es besser aufgenommen wird. Es ist bekannt, dass Whey-Hydrolysat nach dem Training schneller verfügbar ist. Leucin als essenzielle Aminosäure ist gut, da es den Insulinspiegel pusht. ZMA (Zink, Magnesium und Vitamin B6; Anm. d. Red.) ist nach dem Training für die Regeneration wichtig, das ist auch durch Studien belegt. All das wissen alle Hersteller, haben es aber noch nie in einem Produkt verkauft, um so viele einzelne Produkte zu einem höheren Preis zu verkaufen. Mein Produkt ist die Kombination aus diesen Nährstoffen, gepaart mit gutem Geschmack. Ich nenne es „Simon’s Perfect Post“ und viele schmunzeln über das „Perfect“. Für mich sind diese Produkte aber perfekt, und da stehe ich auch zu 100% hinter. Ich würde nie auf den Gedanken kommen und sagen: „Kauft meinen perfekten Fatburner!“. Es gibt keinen Fatburner.

Du machst seit 20 Jahren Fitnesssport. Inwiefern hat dieser Sport Einfluss auf dein Leben genommen?

Zunächst einmal möchte ich anmerken, dass ich es schade finde, wie der Sport des Bodybuilding dargestellt wird. Wir formen unseren Körper mit Disziplin, harter Arbeit und ganz viel Wissen. Und ohne Wissen wird man nie einen starken Körper aufbauen. Ich habe durch Bodybuilding zu Schulzeiten gelernt, was Disziplin bedeutet. Man weiß, dass man für etwas kämpfen muss. Man weiß, dass man für seinen Erfolg verantwortlich ist. Genauso ist es in der Schule, im Studium, im Job und auch bei Frauen: Man muss sich einfach mal ein Herz nehmen, Komplimente und Geschenke machen. Alles ist Arbeit, aber jede Arbeit zahlt sich aus. Meine Eltern sind damals aus Polen gekommen und wir hatten nichts bis auf zwei Koffer. Wir hatten Hunger, weil meine Eltern zu stolz waren, Sozialhilfe zu beantragen. Inzwischen können sie ein schönes Leben führen, weil sie hart gearbeitet haben. Ich bin der Meinung, dass durch harte Arbeit fast alles erreichbar ist. Bei diesem Sport ist es so, dass nur die eigene Person dafür verantwortlich ist. Nicht wie beim Fußball, bei dem man Spiele verlieren kann, weil der Rest der Mannschaft die falsche Einstellung hat oder eine schlechte Leistung auf den Platz bringt. Beim Fitnesssport geht es um einen selbst, um die eigene Persönlichkeit und deswegen ist der Sport für jedermann perfekt, da er sehr viele Vorteile mit sich bringt.

Aber ist der Fitnesssport nicht wirklich oberflächlich?

Ich denke, es ist der unoberflächlichste Sport überhaupt. Es ist der tiefste Sport. Die Bodybuilder, die auf Wettkämpfe ohne Zuschauer gehen, stellen sich nur für sich selbst auf die Bühne und halten sich sonst eher im Hintergrund und verstecken ihre Körper eher, als dass sie mit ihnen angeben. Aber natürlich gibt es immer schwarze Schafe dazwischen.

Wir sind am Ende des Interviews angelangt. Willst du noch etwas loswerden?

Ich kann nur allen jungen Leuten raten, Geduld zu haben. Wenn ihr den Sport anfangt, glaubt daran, dass alles möglich ist, aber glaubt nicht daran, dass alles innerhalb von zwei Wochen passiert. Ich kenne einfach so viele, die tolle Körper sehen und sich denken: „So will ich auch mal werden“. Dann fangen sie an zu trainieren und geben nach zwei Wochen wieder auf, weil nichts passiert ist. Geduld ist das Schlüsselwort. Es zahlt sich alles aus. Man sollte von der Motivation wegkommen, zu trainieren, um einen tollen Körper zu kriegen und sich auf den sozialen Plattformen zu präsentieren, sondern mehr Fokus auf die eigene Entwicklung der Persönlichkeit legen. Dann macht es Spaß, großen Spaß sogar. Bei mir seit 20 Jahren und ich kann einfach nicht aufhören. Und bitte niemanden in die Schublade des dummen Bodybuilders packen! Ich sage nicht, dass man dumm ist, wenn man keinen Sport macht, aber meiner Meinung nach ist man eher dumm, wenn man keinen macht: Es ist nämlich gesund und es bringt einen weiter – also warum soll man es nicht machen?

Ein Interview von Joshua Brauns & Florian Krüger

Über Joshua Brauns 11 Artikel
Der Lektor, der sich für Sport, Reisen und Musik begeistert - und darüber auch gerne schreibt. Viel Spaß beim Lesen!

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