Prinz Pi: „In 100 Jahren werden Plätze nach mir benannt“

WANTED im Gespräch mit Friedrich Kautz

Der Tag ist gekommen. Der Tag, an dem WANTED die Ehre hat, einen der beliebtesten deutschen Rapper zu interviewen. Dieser hört auf den Künstlernamen „Prinz Pi“, der bürgerlich als Friedrich Kautz bekannt ist. Mit seinen letzten zwei Alben „Kompass Ohne Norden“ und „pp=mc2“ erreichte er die Spitze der deutschen Charts und auch mit seinem neuesten Werk „Im Westen Nix Neues“ stieg Prinz Pi auf Platz 1 in die deutschen Charts ein. Grund genug, das Idol vieler Jugendlicher um ein Gespräch zu bitten: „Ja klar, lass was machen“, schreibt er uns auf Facebook.

Seitdem ist die Aufregung groß, aber die Freude noch größer. So kreuzen wir Stunden vor seinem Gig vor den Toren des Aladin in Bremen auf und gesellen uns zunächst zu den hartgesottenen Fans, die uns komisch beäugen, als wir versuchen, uns einen Weg in die geschlossene Location zu bahnen. Gar nicht so leicht, wenn man bedenkt, dass die meisten Journalisten, mit denen sich Kautz umgibt, nicht unbedingt unter 20 sind und wie Groupies vor dem Eingang stehen. Gut, wir sind halt Fans, wir geben das es zu. Aber da wir auch Journalisten sind, die einen offiziellen Termin mit Prinz Pi haben, kommen wir schlussendlich auch rein und werden vom Veranstalter in den Backstage geleitet. Hier befindet sich der Großteil seiner Crew, die uns wärmstens in Empfang nimmt und uns gleich etwas zu Essen und Trinken anbietet. Und auch der Star lässt auch nicht lange auf sich warten. Prinz Pi ist freizeitmäßig angezogen und strahlt gute Laune und Entspannung aus. Ab diesem Moment fällt jegliche Anspannung von uns ab. Friedrich Kautz ist ein bodenständiger Typ, der uns nicht von oben herab behandelt, sondern sich mehr Zeit für unsere Fragen nimmt, als ursprünglich eingeplant. Er nimmt sich sogar die Zeit, WANTED durchzublättern und für cool zu befinden. Auch in seinem Tourblog aus Bremen tauchen wir kurz auf.

Wie er seinen Erfolg einschätzt, wie er seiner Rolle als Vater gerecht wird und inwiefern ein kleiner Verschwörungstheoretiker in ihm steckt, lest ihr jetzt.



Die Standardfrage vorweg: Warum machst du überhaupt Musik? Um Dinge zu verarbeiten? Oder um der Jugend eine Stimme zu geben?
Also, dass ich der Jugend eine Stimme geben kann, kann man nicht so richtig sagen. Als ich ein Jugendlicher war, da wollte ich auch keine vernünftigen Sachen sagen oder hören – eigentlich nur so Sachen, die meine Eltern verschreckt haben (lacht). Ich mache das einfach für mich selbst, um Sachen zu verarbeiten, auszudrücken und aufzuschreiben.

Du bist schon lange dabei. Wie haben sich die vergangenen 20 Jahre und der jetzige Erfolg auf deinen Charakter ausgewirkt?
Anfangs, als ich studiert habe, war das noch ein reines Hobby und als ich so 30 Jahre alt geworden bin, habe ich das mit viel mehr Zeit und Ambitionen gemacht, die Musik zu den Leuten hinzubringen. Vorher habe ich auch keine großen Konzerte gespielt, aber jetzt mache ich das seit fünf, sechs Jahren professionell. Und man verändert sich in der Zeit natürlich krass, gerade, wenn man Kinder bekommt – das ist ein Spektakel. Heutzutage hat man ja mit 30 schon alles erlebt – du bist überall hingereist in deinen Zwanzigern, sei es nach Thailand, Japan, Amerika … Du hast im Ausland gelebt, viel Alkohol getrunken, Frauen gehabt … Ab da hast du eigentlich schon alles hinter dir, da kommt nur noch die Familie und lebst, bis du alt wirst. Aber wenn du ein Kind kriegst, dann siehst du die Welt nochmal ganz neu durch die Augen deines Kindes: Wenn es das erste Eis isst, gehen lernt oder ein Feuerwerk sieht. Da sieht man auch noch mal selber, wie spannend die Welt ist.

Du hast dir mit dem Album lange Zeit gelassen. Würdest du dich als Perfektionisten bezeichnen?
Ja, voll. Da steckt auch eine Menge Vorarbeit drin – das eigentliche Niederschreiben ging dann relativ schnell in Schweden von- statten. Ich habe ganz genau überlegt, wie das klingen soll. Ich habe ich mir viel Zeit gelassen, das würde ich schon meinem Perfektionismus zuschreiben. Am Ende macht man das ja auch für sich selber. Die meisten Leute können das gar nicht so in dieser Art und Weise wertschätzen.

Warum bist du so interessiert an der Philosophie, insbesondere an der Nietzsches? Glaubst du, dass die großen Fragen heute zu selten gestellt werden?
In meiner Schulzeit hatte ich viel Philosophie und Altgriechisch, da habe ich viele klassische Werke gelesen, zu denen auch die Staatsphilosophie gehörte. Das war so das Einzige, was ich wirklich aus der Schulzeit mitgenommen habe. Diktatur, Tyrannei – das ist ja heutzutage immer noch gültig. Insofern hat mir das immer mehr gegeben, als zum Beispiel Mathematik oder Biologie. Auch nach der Schulzeit habe ich noch viele weitere Werke von Nietzsche gelesen, weil die einfach Spaß machen beim Lesen. Der ist nicht so trocken wie Kant, wurde aber von vielen schlichtweg nicht verstanden. Er ist seit den altgriechischen Philosophen der beste Philosoph gewesen, der jemals gelebt hat. „Wenn du zum Weib gehst, nimm Zuckerbrot und Peitsche mit“ – alle dachten, dass er meinte, man solle die Peitsche nicht vergessen, um die Frau zu züchtigen. Was er aber wirklich meinte, war, dass die Frau die Peitsche in der Hand hält, und somit sozusagen den Mann in der Hand hält – das solle man wissen, wenn man sich auf Frauen einlasse. Dann hat Nietzsche leider noch Fans wie Adolf Hitler bekommen, die das ganze Werk von ihm verdreht haben. Cool war auch, dass er ein Alleingänger war, den es nicht geschert hat, ob er verstanden wurde oder nicht und trotzdem sein Ding durchgezogen hat. Das, was ich ja mache, ist, ein Bild von der Gesellschaft zu malen. Und das ist kein schönes Bild, da ist klar, dass keiner sagt, „das ist gut getroffen“. Die meisten Leute, die die Texte hören, merken zwar, dass da jemand nachdenkt, aber verstehen das dann nicht und werfen mir „Pseudo-Deepness“ vor, obwohl sie nicht mal 10% von dem verstehen, was ich sage. Mir ist schon klar, dass die Leute nicht sagen, „klasse, da malt uns jemand als die Idioten, die wir sind“. Die werden nicht aufstehen und sagen: „Hast du gut gemacht!“. Das ist meine Parallele zu Nietzsche.

Also glaubst du, dass Leute in 100 Jahren hier sitzen und deine Texte verstehen?
Und sind Verschwörungstheorien eigentlich immer noch ein großes Thema für dich?
Also in 100 Jahren werden auf jeden Fall Plätze nach mir benannt (lacht). Hoffe ich mal, wenn man dann überhaupt noch Musik hören kann und nicht schon längst ein großer Krieg war. Was die Verschwörungstheorien angeht: Es gibt einen Verschwörungskosmos, in dem es Theorien mit wahrem Kern gibt und welche, die totaler Unsinn sind. Die werden zusammen in einen Topf geworfen, das ist genauso wie in der deutschen Rapszene: Diejenigen, die was mit Hand und Fuß machen, leiden unter denen, die nur Unsinn fabrizieren. So ist das auch bei der Watergate-Affäre und dem zweiten Golfkrieg der Amerikaner. So ist es Quatsch, dass wir von Reptiloiden regiert werden, aber dass bei 9/11 ein Hochhaus anders zusammenstürzt, wenn ein Flugzeug reinfliegt, ist auch klar. So sieht das nur aus, wenn ein Haus gesprengt wird …

War die Rückkehr zu Prinz Porno einmalig?
Nach dem Release von „Kompass ohne Norden“ kam mir das Album irgendwie zu weich vor, da hatte ich Lust, noch mal Prinz Porno aufleben zu lassen. Ich habe gemerkt, dass ich die Songs live viel bissiger performt habe – das lag wohl daran, dass ich das Album mit einer insgesamt ruhigen Person produziert habe. Das Projekt Prinz Porno ist für mich wie eine Spielwiese, eine Art Lockerungsübung. Wenn ich noch mal Bock habe, dann gibt es noch ein Album, aber Prinz Pi ist mein eigentliches Steckenpferd und deckt sich auch eher mit der Meinung meiner Privatperson. Aber es ist doch schön, verschiedene Facetten zu haben, das hat Eminem ja auch.

Wer ist denn deiner Meinung nach der beste Rapper der Welt?
Kendrick Lamar, auf jeden Fall. Nur er schafft es, die Probleme aus seinem Bezirk in Kalifornien richtig zu porträtieren. Außerdem schafft er es, dass sich der Rest der Welt diese Probleme anhören will und seine Musik feiert. Er schafft es, sehr viele Sachen zu bedienen: Er ist zum Beispiel sehr versatil im Umgang mit seiner Stimme. Dabei wirkt das immer lässig, nie angestrengt. Kendrick Lamar ist der vielseitigste Rapper zurzeit.

Was bereust du, getan zu haben?

Ich bereue das auf jeden Fall, studiert zu haben. Oder sagen wir so: Ich bereue es, das zu studiert zu haben, was ich studiert habe. Ich habe das eher meinen Eltern zuliebe studiert. Ich wollte eigentlich was anderes studieren, aber das habe ich mich damals nicht getraut. Ich wollte eigentlich immer Chirurg werden. Wenn ich noch mal die Wahl hätte, würde ich das auch machen.

Was willst du unbedingt noch mal machen? Hast du eine Bucket List?
Es gibt viele Plätze, die ich noch mal sehen will. Aber wenn du Kinder hast, haben die Ziele immer mit deinen Kindern zu tun. Man will sehen, wie dein Kind laufen lernt, wie dein Kind den Schulabschluss macht und wie es das erste Mal aus dem Knast kommt (lacht).

Wir danken für das Interview!

Über Wanted 55 Artikel
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