TANTE MIA TANZT

Electro-Festival in Vechta

Copyright: Timo Münzberg

„In 100 Metern links zur Wallachei abbiegen“, ertönt die Stimme monoton aus dem Navi, während sich die ersten Regenschauer seit mehreren Tagen Kaiserwetter über die Vechtaer Trostlosigkeit ergießen. Wir fallen in höhnisches Gelächter und fühlen uns bestätigt – der Name „Wallachei“ ist Programm. Nach der postapokalyptisch anmutenden Leere der B69 treffen wir kurz darauf auf einen riesigen Parkplatz mit wummernden Bässen. Junge Menschen exen Mischen auf umliegenden Bürgersteigen und kreuzen die Straßen geistesabwesend. Tante Mia tanzt. Wir gelangen langsam, aber sicher zur Erkenntnis, dass wir hier richtig sein könnten. Mitten im Nichts.

Wir trauen unseren Trommelfeldern und finden uns wenige Augenblicke später am Eingang wieder. Normalerweise ist man es gewohnt, oberflächlich abgetastet zu werden – nicht so bei Tante Mia, wo uns der Sicherheitsdienst bis auf den Schlüsselanhänger genau filzt. Sicherheit geht vor – das nehmen wir mal kopfnickend so hin. Zielstrebig steuern wir die Hauptbühne des Festivals an, „Tante Mia’s Tanzgarten“, wo schon Tausende Feierwütige zu den Sounds der „House Destroyer“ abgehen. Uns bleibt als hochprofessionelle Journalisten bei der Arbeit erstmal nichts Anderes übrig, als das Schauspiel nüchtern zu betrachten und unsere ersten Eindrücke zu sortieren. Schnell fällt uns auf, dass das nicht die Lösung sein kann. Im Pulk vor der Bühne ist die Stimmung schließlich befreit, die Gäste springen wild herum und genießen ihr Leben.

Dieser Enthusiasmus steckt uns an. Auch unsere Tanzbeine schwingen nach dem Partyfinger langsam auf und ab – immer in der Hoffnung, dass wir dabei ein kleines bisschen cooler aussehen als Tante Mia aus Vechta. Der ausgelassenen Stimmung tun auch weitere Regenschauer keinen Abbruch – im Gegenteil. Es scheint, als gingen die Norddeutschen im Fritz-Walter-Wetter in ihrem Element auf. Und das, obwohl es einen Tag vorher noch heißt: „Wir feiern morgen im Trockenen“. Denkste. Aber egal, irgendwie gehört das Sauwetter ja zu einem jeden Festival dazu.

Nachdem die ersten Regencapes lieblos auf dem sandigen Holzdielenboden abgelegt sind, geht die Tanzliebe zu den den Songs von David Puentez in die nächste Runde. Pyrotechnik und Nebelmaschinen werden nun zur Freude der Electro-Fans eingesetzt. Auch nüchtern tanzen sich die ersten Menschen in Ekstase.

        Back off, Back off! And let me lose my mind!

Dass dabei Stunden vergehen, merkt man erst, wenn der Magen auf halb acht hängt. Tanzen geht eben vor. Kurz bevor wir uns unserem primitivsten Instinkt ergeben, stellen wir fest, dass wir die anderen Bühnen noch gar nicht ausreichend gewürdigt haben. Also geht’s auf in die „Bassküche“, die uns Spießern von Journalisten aber tatsächlich zu basslastig anmutet. Vielleicht liegt’s auch nur am Hunger – wer weiß. Wir bedienen uns der lokal-kulinarischen Wurstbuden, bis wir wieder tanzfähig belastbar sind. Derweil beobachten wir Schnapsleichen und Draufgänger – den ganz normalen Festival-Wahnsinn. Die gute Tante Mia hat aber immer ein Auge auf ihren Nachwuchs, weshalb die Schnapsleichen schnell behandelt werden und der Sicherheitsdienst zwischen den Draufgängern erfolgreich zu schlichten vermag.

Let me see your hands!

Auf der Hauptbühne treiben die Schwestern des DJane-Dous „Nervo“ die Meute bis in die Dämmerung zum Kochen. Man steht unter dem Eindruck, dass das Festival und die Qualität der Künstler von Stunde zu Stunde zunehmen. Auf das Duo folgt „Nicky Romero“, ein überaus bekannter Name der Electro-Szene. Ob er sich am nächsten Tag noch an die Metropole Vechta erinnert, sei mal dahingestellt. Aber selbst, wenn er es nicht tut, gibt er keinen Anlass, ebendies anzunehmen. Spätestens mit dem Remix zu dem Song „I Could Be The One“ des kürzlich verstorbenen „Avicii“ bringt er die Fans nicht nur zum Tanzen, sondern auch zum Innehalten und Gedenken. Es ist wohl eine Kunst, beides gleichzeitig zu schaffen. Das große Finale aber gibt sich „Don Diablo“, ein weiterer Stern am Himmel der weltbekannten Electro-DJs. Mit Songs wie „Momentum“ und „People Say“ hat er es schon in die hiesigen, konventionellen Radiosender geschafft, nun gibt er diese Songs unterstützt durch Feuerwerk und Lichtershows zum Besten. Ein Finale wie aus dem Bilderbuch von Fotoalbum unserer Lieblingstante Mia.

WANTED dankt Tante Mia.

Wir sehen uns beim nächsten Familienfest! 😃

Über Joshua Brauns 20 Artikel
Der Lektor, der sich für Sport, Reisen und Musik begeistert - und darüber auch gerne schreibt. Viel Spaß beim Lesen!

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