Von der Flüchtlingskrise zur Normalität?

Eine Bestandsaufnahme aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Akzentuierungen

Ein Gespräch zu den Entwicklungen der Flüchtlingsarbeit mit Astrid Friedmann (Stabschefin für Integration in der Gemeinde Weyhe), Esref Kizilkara (Flüchtlingsbeauftragter der Gemeinde Weyhe) und Sonja Eden (engagiert sich für die Flüchtlingsarbeit in der Gemeinde und gibt unter anderem Deutschkurse).

Ihr Zwischenfazit nach Ausbruch der Flüchtlingskrise in der Gemeinde?
Astrid Friedmann: In den letzten zwei Jahren hat sich die Zahl der Geflüchteten erheblich erhöht. Politik und Bürgermeister haben sich für eine dezentrale Unterbringung entschieden, das Einleben und Zurechtfinden ist dadurch wesentlich einfacher – für Menschen mit Migrationshintergrund und die Weyher Bürger. Außerdem haben wir zusammen mit dem Bürgermeister und dem Fachbereich 3 der Gemeinde Weyhe die Anwohner einer Straße, in der Geflüchtete untergekommen sind, informiert. Dann gibt es noch das Allerweltscafé, welches von der Felicianuskirche initiiert wurde und wirklich Gold wert ist. Es ist wie eine Infobörse, aber gleichzeitig auch ein Ort der Entspannung und des Wohlühlens. Es ndet immer Mittwochs von 16-19 Uhr statt und ist der Austragungsort für den wichtigen Informationsaustausch.

Sonja Eden: Los ging es ja auch mit den Flüchtlingspaten, die wir für die Geflüchteten gesucht haben. Anfangs haben wir 45 Stück gesucht und gleich viele ehrenamtliche Helfer gefunden, von denen bis heute viele Paten der Flüchtlinge geblieben sind.

Esref Kizilkara: Von Anfang an haben wir gemerkt, dass das Ehrenamt ein wichtiger Part sein wird. Daher haben wir verschiedene Leute angesprochen und daraus ist dann so langsam das Ehrenamt des Familienpatens entstanden. Wir geben aktuelle Informationen an die Familienpaten weiter, da sich die rechtliche Lage ständig ändert. Das ist sehr gut, weil die Paten sehr nah an den Geflüchteten dran sind und so die Informationen richtig und verständlich übermitteln können, damit es nicht zu Missverständnissen oder Problemen kommt.

Friedmann: Darüberhinaus nden regelmäßig Stammtische und Veranstaltungen für Familienpaten statt, die dem Austausch dienen. In Weyhe gibt es viele Familienpaten, die die geflüchteten Mitbürger bei der Eingewöhnung und dem Einleben unterstützen. Wir hatten auch mal eine interkulturelle Trainerin da, Frau Dr. Sabra, die einen Vortrag zum Thema interkulturelle Kommunikation gehalten hat. Sie vermittelte die Unterschiede der Kulturen, zeigte die Möglichkeit von Missverständnissen auf und was dies für die Betroffenen bedeutet.

Kizilkara: An erster Stelle stehen für uns die organisierten Deutschkurse und dass die Kinder Kitas besuchen. Es gibt an den Schulen auch Sprachförderklassen, die wir eingerichtet haben. Wir setzen auch ausgebildete Integrationslotsen/innen mit Migrationshintergund in der Flüchtlingshilfe ein. Die Integrationsloten/innen sprechen neben Deutsch auch Persisch, Arabisch, Serbokroatisch und Englisch.

Musste Weyhe schon Flüchtlinge ablehnen?

Kizilkara: Das ist ja einzelfallabhängig und kommt auf das Herkunftsland an. Wenn es dort keine kriegerischen Auseinandersetzungen gibt, kann es sein, dass der Geflüchtete abgewiesen wird. Länder wie Syrien und Afghanistan werden als riskant eingestuft und somit genießen die Geflüchteten so lange Schutz, bis sich die Lage in den betroffenen Ländern stabilisiert hat. Währenddessen wird immer darauf geachtet, wie sich die Personen entwickeln: Haben sie Arbeit gefunden, gehen die Kinder zur Schule, können sie die deutsche Sprache. Dann kann es nämlich im Falle eines Ablehnungsbescheides dazu kommen, dass die Härtefallkommission eingeschaltet wird, die dann auf den Integrationsprozess des Betroffenen guckt und diesen bewertet. Die Chancen stehen dann nicht schlecht, dass sie doch bleiben dürfen. Und diese Härtefallkommission benötigt auch Stellungnahmen der Gemeinde Weyhe.

Friedmann: Genau an der Stelle versuchen wir durch eine Initiative dafür zu sorgen, dass die Ausbildungschancen und die Vermittlung von Arbeit an die Geflüchteten besser funktioniert, damit die Bleibechancen erhöht werden. Ein Arbeitskreis arbeitet gerade daran, diese Prozesse zu verbessern.

Eden: Vor allem auch die Anerkennung eines Studiums, welches in dem Heimatland absolviert wurde, ist sehr schwierig. Viele Studiengänge unterscheiden sich in sehr großem Maße und daher muss geguckt werden, wie und was anerkannt werden kann. Aber auch an den Schulen war es schwierig, da wir zum Beispiel extra nach privaten Dolmetschern gesucht haben, damit wir die Kinder verstehen konnten.

Lisa Abraham leistet ihren Bundesfreiwilligendienst im Mehr-Generationen-Haus „Schaumlöffel“ in Stuhr-Brinkum. Dort geht es darum, dass Kurse und Veranstaltungen organisiert werden und ein Ort für übergreifende Kommunikation geschaffen wird. So gibt es zum Beispiel ein Allerweltscafé, in dem sich verschiedene Kulturen treffen und austauschen können. Aber auch Deutschkurse werden angeboten und so gebe es laut Lisa Abraham „keine kulturellen Grenzen“ im MGH.

Was zählt alles zu deinen Aufgaben?

Grundsätzlich bin ich Bundesfreiwillige und habe deshalb sehr vielfältige Aufgaben im MGH (Mehrgenerationen-Haus Schaumlöffel in Brinkum). Für mich ist es sehr wichtig, dass ich den Flüchtlingen bei ihrer Sprachentwicklung behilflich sein kann und vor allem ist es sehr schön zu beobachten, wie sich die Flüchtlinge in einem stetigen Prozess integrieren. Ein wesentlicher Bestandteil im MGH ist das Sprechcafé, welches dreimal die Woche stattfindet und Begegnungsort verschiedener Kulturen ist. Durch den Austausch werden ganz automatisch die Deutschkenntnisse verbessert und darüber hinaus findet ein kulturelles Miteinander statt. Gerade letztens kam eine Teilnehmerin des Sprechcafés auf mich zu und hat mir ihr Prüfungszeugnis zum bestandenen Deutschkurs freudestrahlend präsentiert. Jetzt zieht sie auch aus der Flüchtlingsunterkunft in eine eigene Wohnung. So etwas macht mich sehr glücklich und zeigt mir, dass mein Freiwilligendienst etwas bewirkt.

Was hast du für besonders positive oder negative Erfahrungen mit Flüchtlingen gehabt?
Generell muss man festhalten, dass die Entwicklung im MGH wirklich klasse ist. Viele Flüchtlinge kamen zu uns und konnten teilweise kein Wort Deutsch sprechen – viele von ihnen sprechen jetzt ießend unsere Sprache und einige von ihnen beteiligen sich jetzt als ehrenamtliche Helfer selbst im MGH. Einige von ihnen besuchen sehr viele Kurse bei uns im Haus – sei es der Computerkurs, der Nähkurs, das Schachspielen oder das Kochen. Diese Motivation ist für mich magisch, weil man den Willen zur Integration deutlich erkennt. So sind die Sprechcafés ein sehr gutes Beispiel für die Integration, denn dort lernen auch die deutschsprachigen Gäste etwas von den kulturellen Ansichten der anderen Personen. So wusste ich gar nicht, dass das Lied „Bruder Jakob“ auch in Eritrea gesungen wird – im Refrain konnten wir dann alle im Takt mitsummen.

Was hältst du von der aktuellen Flüchtlingspolitik?

Das ist eine schwierige Frage für mich, da ich größtenteils nur das Geschehen und die Entwicklung im MGH beurteilen kann. Für mich ist eine wichtige Erkenntnis, dass die Hürde zur Begegnung mit Flüchtlingen oft größer wirkt, als sie im Endeffekt ist. So gleicht sie anfangs einer großen Mauer und am Ende ist es nur noch eine kleine Schwelle. Kommunikation wird bei uns großgeschrieben und die Begegnung untereinander ist uns in den Kursen sehr wichtig. Teilweise verwundert mich die momentane Handhabung mit dem Wohnraum, da viele Flüchtlinge gerne aus ihren Unterkünften in eine eigene Wohnung ziehen möchten – dies ist jedoch ein relativ komplizierter Prozess.

Die Leiterin des MGH, Daniela Gräf, ergänzt: „Ich habe das Gefühl, dass wir von einer Willkommenskultur langsam zur eigentlichen Integration kommen. Anfangs haben die Flüchtlinge sehr viel Deutsch gelernt und jetzt kommt es immer mehr dazu, dass diese uns etwas aus ihrer Kultur beibringen. Generell müssen wir mehr miteinander reden, um so aktiv Ängste und Vorurteile abzubauen. So kann ich mich noch an eine Frau erinnern, die große Vorurteile gegenüber Flüchtlingen hegte und sich negativ geäußert hat. Ich habe sie dann mit eingebunden und so hatte sie zwangsläufig Kontakt – seitdem kam nichts Negatives mehr von ihr.“

Was fällt den Flüchtlingen hier am schwersten?

Viele sind sehr selbstkritisch und zurückhaltend – vor allem auch im Bezug auf die deutsche Sprache. Auf der anderen Seite sind sie in der Regel sehr kontaktfreudig, da sie so sich besser in der Gesellschaft zurechtfinden. Manchmal sorgen auch Anträge von der Gemeinde für Verwirrung, aber dort versuchen wir natürlich auch zu unterstützen und meistens ist es weniger schlimm, als es im ersten Moment scheint. Die Entwicklung funktioniert so gut, dass wir nun auch Praktikumsplätze anbieten und so einen möglichen Berufseinstieg erleichtern können.

Für Abdelazim Adam war die Situation im Westsudan nicht mehr zu ertragen, weshalb er nach Deutschlandflüchtete

Abdelazim Adam ist 29 Jahre alt und lebt seit einigen Monaten in einer Flüchtlingsunterkunft in Weyhe. Dort sind zwölf Flüchtlinge aus sechs verschiedenen Ländern untergebracht. Abdelazim hat große Pläne für die Zukunft und tut viel, um diese in die Tat umzusetzen. Im WANTED-Interview erzählt er von seiner Reise, den erlittenen Strapazen und seinen ersten Eindrücken von Deutschland.

Wie bist du nach Deutschland gekommen?

Zunächst bin ich vom Sudan nach Libyen gegangen und habe dort acht Monate gearbeitet. Dort war ich bei einer großen Immobilienfirma als Buchhalter angestellt. Allerdings war die Situation in dieser Stadt in Libyen zu schlimm und ich bin dann weiter nach Tripolis gereist und habe dort einen Job als Elektriker gefunden. Auch dort konnte ich nicht lange bleiben, weil es teilweise so war, dass ich mit Waffen bedroht worden bin. Ab dort wollte ich das Mittelmeer überqueren, um nach Europa zu kommen. Ich habe mein ganzes Erspartes für die Reise mit den Schleusern bezahlt – insgesamt waren es circa 600 Euro. Ich bin dann nach der Reise mit dem Boot in Italien in der Stadt Tarent angekommen und wurde von der Polizei in Empfang genommen und mit dem Bus in eine Schule gefahren, in der wir eingeschlossen wurden. In der Schule mussten wir unsere Fingerabdrücke registrieren lassen. Irgendwann bin ich da rausgekommen und dann mit dem Zug weiter nach Mailand gefahren. Ich bin bestimmt fünfmal ein- und ausgestiegen, damit mich die Kontrolleure nicht beim Schwarzfahren erwischen, da ich ja kein Geld mehr für ein Ticket hatte. Später bin ich dann nach Österreich gekommen und schließlich über die deutsche Grenze, wo ich bei der Polizei einen Asylantrag gestellt habe. Ich war eine Woche in Augsburg, dann zwei Monate in Celle in einer Flüchtlingsunterkunft und wurde am Ende nach Weyhe gebracht. Hier lebe ich nun schon seit mehr als einem halben Jahr.

Wie stehst du zu deinem Heimatland?

Ich liebe mein Heimatland. Es ist nur so, dass unsere Dörfer im Westsudan seit 15 Jahren bombardiert werden und wir notgedrungen in eine kleine Stadt flüchten mussten. Wir haben dabei unsere Bleibe verloren und einen Großteil unseres Hab und Guts. Meine Familie lebt heute nach wie vor in einem Camp. Viele unserer Bekannten und Freunde wurden bei dem Konflikt zwischen der Regierung und den Oppositionellen getötet. Die Regierung unterstützt die Araber mit Waffen und so herrscht im Westsudan Bürgerkrieg.

Ich selbst habe Abitur gemacht und im Anschluss Agrarwissenschaften studiert. Meine Schwester hat geheiratet und ein Kind bekommen, was mich sehr freut. Es ist jedoch nach wie vor sehr gefährlich, da viele in den Kriegsdienst einbestellt werden und die Regierung unter anderem auch die Journalisten bedroht, weshalb nur wenige Informationen nach außen dringen.

Was sind deine Zukunftspläne?

Ich möchte meine Familie nach Deutschland holen, damit sie hier in Frieden leben können und wir wieder vereint sind. Dazu muss ich jedoch erst die Möglichkeit haben. Derzeit versuche ich hier Arbeit zufinden. Schön wäre es auch, wenn mein Studium der Agrarwissenschaft anerkannt würde. Was mich sehr freut, ist, dass ich in Deutschland bisher nur nette Leute kennengelernt habe, speziell in Weyhe. Ich habe schon ein Praktikum bei einer Gärtnerei gemacht und werde bald wieder eins in Riede beginnen. Jedes Wochenende spiele ich Fußball und gehe gerne in die Bibliothek an der Universität, um Englisch zu lernen. Schwer war für mich am Anfang auch, dass die Kulturen und Gewohnheiten ganz anders waren. Zum Beispiel beim Essen – und im Sudan sind die Menschen auch nicht so pünktlich. Dort ist es normal, wenn man eine halbe Stunde zu spät kommt und hier in Deutschland das nicht der Fall. Ich habe mein Leben ganz verändert – ich bin jetzt auch pünktlich, habe Deutsch gelernt und möchte Schritt für Schritt in dem Bereich der Agrarwissenschaften arbeiten. Allerdings ist die deutsche Sprache sehr schwer und ganz anders als die arabische. Seit fünf Monaten sprechen meine Zimmerkollegen und ich nur Deutsch zur Übung.

Vielen Dank für das Interview!

Über Florian Krüger 55 Artikel
Der Chefredakteur, der den Stift immer zur Hand hat und vor lauter Ideen fast das Schreiben vergisst - aber hat ja geklappt! Voilà ...

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