Wahre Engel

Wanted unterwegs - ein Tag bei den Bremer Suppenengeln

Es ist ein nasskalter, trüber Wintertag, als ich mich gegen 07:30 Uhr mit dem Fahrrad aufmache, um von Weyhe in die Bremer Neustadt zu radeln. Mein Anliegen: Einen Tag mit den Bremer Suppenengeln zu verbringen.

Als ich bei den Räumlichkeiten der Bremer St. Jacobi Gemeinde ankomme, die den Bremer Suppenengeln e.V. Räume zur Verfügung gestellt haben, herrscht dort schon reges Treiben. Ich werde vom Geschäftsführer der Suppenengel, Dr. Peter Valting, herzlich begrüßt und erhalte viele Informationen zu dem 1997 gegründeten Verein. Daraufhin werde ich Franz Giersch, 70 Jahre, zugeteilt und erhalte zuerst ordnungsgemäße Küchenkleidung, eine Kochjacke, eine Schürze sowie eine Kopfbedeckung, bevor mir Franz meine Mitstreiter für den heutigen Tag vorstellt.

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Dies sind neben vier Rentnern, die regelmäßig die Suppenengel unterstützen, noch Emrah Cetimel, 27 Jahre und Exjunkie sowie Jasmin Henze, 19 Jahre, die ein Praktikum bei den Suppenengeln absolviert, das über einen Bildungsträger finanziert wird. Die schüchterne Jasmin erzählt mir, dass sie sich bei den Suppenengeln sehr wohl fühlt. „Hier werde ich so akzeptiert, wie ich bin. In der Schule wurde ich ständig gemobbt, nur weil ich anders war als die coolen Schüler“. Weiter gehören zum Team der Küchenchef Gerd Fechtner sowie weitere ehrenamtliche Helfer. Insgesamt arbeiten für die Suppenengel zwei hauptamtliche und 43 ehrenamtliche Helfer.

Die Bremer Suppenengel wurden im Jahr 1997 von Zia Gabrielle Hüttinger gegründet und haben es sich zur Aufgabe gemacht, Bedürftige viermal wöchentlich mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Gabrielle Hüttinger erhielt für ihr großes Engagement im Jahr 2013 das Bundesverdienstkreuz. Die Mitarbeiter der Suppenengel versorgen in den Sommermonaten an vier Mittagen in der Woche jeweils vier Standorte in der Bremer Innenstadt mit warmen Mahlzeiten. Das Essen wird mit Lastenfahrrädern zu den Versorgungsstationen gebracht, wo die Suppenengel von den Bedürftigen schon freudig erwartet werden.

In den kalten Wintermonaten von November bis März wird das Essen in der ehemaligen Ansgarikantine im Bremer Lloydhof ausgeben. Die Suppenengel legen Wert darauf, Menschen eine sinnvolle Beschäftigung zu ermöglichen, die auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen haben.

Nachdem ich nun eingekleidet bin und meine Kollegen kenne, erklärt mir Franz, welches mei- ne Aufgaben am heutigen Vormittag sind. Hierzu zählen Gemüse waschen und schneiden, Kartoffeln schälen und Zwiebeln hacken sowie unzähli- ge Brote zu schmieren. „Mir macht meine Arbeit viel Spaß – und was gibt es Schöneres, als anderen Menschen eine Freude zu machen und dazu noch Lebensmittel sinnvoll zu verwenden, die ansonsten im Abfall landen?“, berichtet Franz mit einem strahlenden Lächeln. In einer Pause komme ich mit Franz gut ins Gespräch. Franz, ein ehemaliger Buchdrucker, der auf dem zweiten Bildungsweg Sozialwissenschaften studiert hat und damals während der Semesterferien als Schiffskoch auf einem Frachtschiff gearbeitet hat, erzählt mir, dass es das Leben gut mit ihm gemeint hat. Er hat zwei erwachsene Töchter, die beide ein abgeschlossenes Hochschulstudium haben, ist glücklich verheiratet und fühlt sich mit seinen 70 Jahren noch topfit. „Ich möchte anderen Menschen, die im Leben weniger Glück hatten als ich, etwas zurückgeben und deshalb koche ich einmal die Woche für die Bedürftigen“. Franz kocht heute einen deftigen Gemüseeintopf mit Speck. „Wir verwerten hier alles, was uns die Supermärkte, Bäckereien, Gemüsehändler und Restaurants an Lebensmittel zur Verfügung stellen“.

Das neueste Projekt der Suppenengel ist das Kochen mit Flüchtlingen. Hierzu gehen die Suppenengel in die verschiedenen Übergangswohnheime und kochen zusammen mit den Flüchtlingen Rezepte aus der Heimat. Ein großer Topf mit Essen verbleibt den Flüchtlingen und ein Topf wird den Bedürftigen in der Ansgarikantine gereicht. Eine bewegende Geschichte mit Happy-End berichtet mir Küchenchef Gerd Fechtner, 60 Jahre, der neben dem Einsammeln der Lebensmittelspenden, dem Befüllen der Lagerräume und dem Überwachen der Küche noch Zeit findet, das Fahrrad von Praktikantin Jasmin zu reparieren. „Ich bin handwerklich begabt und packe die Dinge einfach an“, berichtet Gerd.

Gerd hatte es im Leben nicht immer leicht. 1988 missglückt ihm ein Fluchtversuch aus der ehemaligen DDR: „Im Nachhinein habe ich erfahren, dass ich mich nur noch auf die andere Seite des Zaunes hätte fallen lassen müssen, dann wäre ich in Freiheit gewesen, aber die Maschinengewehrsalven der Grenzpolizisten haben mir das Blut in den Adern gefrieren lassen“. Gerd bekommt fünf Jahre Haft wegen Republikflucht, muss aber nur ein Jahr absitzen, da 1989 die Wende kam. Gleich nach der Wende zog der Schweriner in die Nähe von Bremen und fand Arbeit bei einem Landschaftsgärtner, der ihm auch die Wohnung zur Verfügung stellte. „Als der Betrieb 2005 Insolvenz anmelden musste, habe ich nicht nur meinen Job, sondern auch gleich meine Wohnung verloren. Ohne Job keine Wohnung – und ohne Wohnung keinen Job. So landete ich auf der Straße und habe ein halbes Jahr als Obdachloser gelebt.“

Und wieder nahm das Schicksal eine positive Wendung in seinem Leben. „Eines Tages habe ich die Suppenengel, bei denen ich regelmäßig meine Mahlzeiten einnahm, gefragt, ob sie Hilfe bräuchten und die haben mir einen 1-Euro-Job angeboten“.

Mit dem neuen Job fand Gerd eine Wohnung und jetzt hat er es bis zum Küchenchef geschafft und ist bereits seit neun Jahren bei den Suppenengeln. Ein wahres Happy-End. Nachdem die deftige Gemüsebrühe fertiggekocht und alle Brote geschmiert sind, machen wir uns auf in die ehemalige Ansgarikantine im Bremer Loydhof. Hier wird in den Wintermonaten ab 13:00 Uhr das Essen an Obdachlose und Bedürftige ausgegeben. Ab 13:00 Uhr füllt sich die Kantine nach und nach. Etwa 50 Obdachlose und Bedürftige genießen eine warme Mahlzeit, Brot, Obst und einen heißen Kaffee in den geheizten Räumen. Für Einige ist es die einzige Möglichkeit am Tag, sich in warmen Räumen aufzuhalten und in Ruhe ihr Essen einzunehmen. Ulf Pollack, ein ehemaliger Musikproduzent, der jetzt auf der Straße lebt, erzählt, dass er bei den Suppenengeln eine Möglichkeit fände, sich aufzuwärmen und etwas Vernünftiges zu Essen zu bekommen. Er schlafe nachts im Männerwohnheim, aber das müssten sie morgens um 08.00 Uhr verlassen und dürften erst um 18:00 Uhr wieder rein, so dass er bei jedem Wetter draußen unterwegs sei.

So wie Ulf geht es vielen der Gäste der Suppenengel und so wird in der Winterzeit auch einmal im Monat gespendete Kleidung an die Bedürftigen ausgeteilt. Hierfür suchen die Suppenengel noch Kleiderspenden. Es werden insbesondere Schuhe, warme Jacken und Schlafsäcke benötigt. Als gegen 14:30 Uhr die Kantine schließt, geht auch für mich ein erlebnisreicher Arbeitstag zu Ende. Ich habe viele interessante und hilfsbereite Menschen getroffen, aber auch gesehen, dass die Armut in unserem relativ reichen Land auch präsent ist. Und deshalb ist es schön, dass es wahre Engel gibt.

– ein Bericht von Frank Krüger

www.suppenengel.de

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