Wunderläuferland Kenia

Ein Interview mit Jan Fitschen

© Norbert Wilhelmi

„Der Europameistertitel hat alles auf den Kopf gestellt.“

Mit deinem Buch „Wunderläuferland Kenia“ tourst du gerade auf Lesetour durch Deutsch- land. Wie läuft es bisher?

Das bisherige Feedback war genial und es waren immer zwischen 80 und 150 Gäste anwesend. Die Leute, die da waren, waren richtig begeistert, da das Buch ja auch mal etwas Anderes ist. Ich versuche, das Publikum mit einzubinden und es gibt zudem noch kenianisches Essen. Außerdem zeige ich viele Fotos und Filme.

Du hast in deiner Karriere zahlreiche Erfolge feiern können – unter anderem warst du zigfacher Deutscher Meister auf deinen Paradestrecken – den 5000m (13:14 min.) und 10.000m (28:02 min.). Ging es dir von Anfang an darum, diese Erfolge zu erzielen? Wie fühlt es sich an, als Erster die Ziellinie bei solch wichtigen Wettkämpfen zu überqueren?

Ich hatte schon immer den Ehrgeiz, zu gewinnen. Aber dass es solche Ausmaße annehmen würde – damit habe ich nicht gerechnet. Die Entwicklung kam nach und nach, alles hat mit den Bundesjugendspielen angefangen und endete dann mit dem 28. Deutschen Meistertitel.

Als Erster über die Ziellinie zu laufen, ist ein überwältigendes Gefühl, das fühlt sich einfach toll an. Das motiviert mich immer wieder für das nächste Rennen – auch wenn man zwischendurch ein paar Mal was auf die Schnauze bekommt (lacht).

Was hat dich damals dazu bewogen, zur Leichtathletik zu gehen? Konnte man zu dem Zeitpunkt nur ansatzweise erahnen, was für eine lange Karriere daraus werden sollte?

Die Bundesjugendspiele waren ein Faktor, der mich zur Leichtathletik gebracht hat. Man hat sich früher halt ausprobiert: Kinderturnen, Fußball und dann ist es eben die Leichtathletik geworden. Auf Leistungssportniveau bin ich dann für den OTB an den Start gegangen, bei dem ich einen Trainer hatte, der selbst bei den Olympischen Spielen gestartet ist.

Wenn du rückblickend auf deine Zeit als Leis- tungssportler zurückschaust – was war dann das Reizvollste?

Die Kombinationen aus den spannenden und en- gen Rennen und dass man dabei so viele neue Leute kennenlernt, sind reizvolle Erinnerungen. Durch zahlreiche Trainingslager und Wettkämpfe kommt man auch insgesamt viel in der Welt rum. Zum Beispiel bin ich 2003 Studentenweltmeister in Korea geworden oder habe die aufregenden Bedingungen in Kenia genutzt, wovon auch mein neues Buch handelt.

Welche Opfer muss man für den Leistungssport bringen?

Als Läufer geht es viel um Fleiß, denn im Gegen- satz zu manch anderen Sportarten geht es weniger um Talent, sondern mehr um die Disziplin. Es ist wichtig, viele Kilometer zu laufen und da- bei alles dem Sport unterzuordnen, denn nur so kommt man ganz nach oben. Ich beispielsweise war fast nie am Wochenende mit Freunden unterwegs, da ich immer trainiert habe. Während meines Physikstudiums habe ich meinen Mittagsschlafhäufig auf der Isomatte im Labor gemacht.

Konntest du finanziell vom Sport leben?

Anfangs war es eher ein Taschengeld, wovon ich fast alles in Trainingslager investiert habe. Mit dem Europameistertitel 2006 hat sich das dann geändert – ab da konnte ich auch ein bisschen was zurücklegen. Nebenbei schreibe ich für viele Fachzeitschriften und habe natürlich früher auch die ein oder andere Prämie gewonnen.

Meine Sponsoren sind sehr treue Unterstützer, die mich größtenteils auch noch heute unterstützen. Momentan bin ich auch hin und wieder Co-Kommentator oder halte Motivationsvorträge. Allerdings ist das Verhältnis zu den kenianischen Läufern ein Witz, denn da zählt man als Profiläufer zu den Reichen. Aber dort ist die Konkurrenz natürlich auch viel größer..

Gab es für dich auch negative Phasen und wenn ja, hattest du Methoden, diese zu überwinden? 

Natürlich gibt es auch mal die ein oder andere negative Phase, das kennt wohl jeder Leistungssportler. Aber es war schon cool, dass ich immer noch was nebenbei am Laufen hatte – das Studium. Das war für mich wie ein zweites Standbein. Natürlich ha- ben mich auch meine Freunde und die Familie aufgebaut und mich durch schwierige Zeiten begleitet.

Nach meinen ersten, kleineren Verletzungen wusste ich dann auch, dass ich viel mit alternativem Training bewirken kann. So habe ich mich dann durchs Schwimmen und Radfahren in Form gehalten.

Eine Verletzung an der Ferse im Jahr 2013 sollte deine Karriere beenden. Wie schwer war es? Oder war das Karriereende ohnehin schon geplant?

Ich hätte schon noch gerne weitermacht. Aber es ist ja klar, dass es irgendwann zu Ende geht. Zu der Zeit war ich ja auch nicht mehr der Allerjüngste – zumindest für einen Leistungssportler. Wenn man das auf dem Niveau wie ich ausübt, dann war meine Karriere schon noch relativ lang. Ich konnte alles probieren: Ich habe als Mittelstreckenläufer begonnen und am Ende noch Marathons bestritten.

2006 konntest du dich in die Reihe der deutschen Europameister über 10.000 Meter einreihen. Was hat sich durch diesen Titel in deiner Karriere verändert?

Der Titel hat alles auf den Kopf gestellt. Ab da war es mir möglich, mit dem Sport Geld zu verdienen. Viele der Sponsoren unterstützen mich bis heute. Auf einmal war ich für die Medien interessant und habe viele Interviews gegeben. Für mich persönlich hat sich nicht so viel geändert, da ich weiterhin sehr viel trainiert und dem Sport untergeordnet habe.

Du hast ein Buch mit dem Titel „Wunderläufer- land Kenia“ (ca. 19€, 360 Seiten) geschrieben – es ist von deinen vielen Trainingslagern in Kenia inspiriert, enthält viele Tipps und hilft ein biss- chen, das Land der Wunderläufer und ihre Art zu trainieren, besser zu verstehen.

Es ist wirklich einmalig, dass alles mal vor Ort erlebt zu haben. Fasziniert hat mich zum Beispiel, dass Hunderte von Läufern morgens um 06:00 Uhr zusammen aufbrechen, um zu trainieren. Mit der Zeit werden es dann immer weniger Läufer, da die Geschwindigkeit mehr und mehr erhöht wird. Am Ende wird es in der Regel zu einem internen Wettkampf.

Was ist denn – ganz grob gesagt – das Geheimrezept der kenianischen Läufer?

Es wirken sehr viele Faktoren zusammen, die an sich schon sehr gut sind und im Zusammenspiel eine optimale Wirkung entfalten. Die genetischen Voraussetzungen mit der leichten Muskelstruktur und den ausdauerfähigen Muskelfasern spie- len eine große Rolle. Daneben ist die Motivation wohl einer der Hauptfaktoren, da es kaum andere Möglichkeiten gibt, an viel Geld zu kommen. So haben die Läufer immer ein konkretes Ziel vor Au- gen und das macht sie im Wettkampf so stark. Außer- dem ist ihr Lebensrhythmus und die Ernährung perfekt an den Sport angepasst. Genau diese Faktoren be- rücksichtige ich in meinem Buch in 42,195 Kapiteln.

Welches Erlebnis hat dich in Kenia am nachhaltigsten geprägt?

Oh, das ist nicht leicht zu beantworten. Dennoch würde ich sagen, dass es einen Moment gab, an den ich mich gerne zurückerinnere: Ich bin gelaufen und plötzlich hat sich eine Gruppe von Kindern an mich rangehangen und ist ein Stück mit mir gelaufen. Dabei haben sie so viel Lebensfreude ausgestrahlt, dass mich das einfach glücklich gemacht hat. Selbst die Allerkleinsten laufen in Kenia – und das meistens barfuß.

Dein Buch soll auch zum Lachen und Träumen anregen, enthält sehr viele Fotos und Tipps für jedermann. Was soll dem Leser vor allem mit auf den Lauf gegeben werden?

Es soll den Leser zum Lachen und Schmunzeln bringen. Einige Passagen regen auch zum Nachdenken an und letztlich ist der eigentliche Sinn des Buches, die Menschen zum Laufen zu bringen. Durch die vielen Fotos bekommt man während des Lesens schnell Lust, selbst zu laufen und wenn nicht, dann sind alleine die Eindrücke schon sehr anregend.

Über Florian Krüger 74 Artikel
Der Chefredakteur, der den Stift immer zur Hand hat und vor lauter Ideen fast das Schreiben vergisst - aber hat ja geklappt! Voilà ...

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