Auslandspraktikum – Jütland

Teil 2 von 2

Nach dem Abitur geht es für viele erstmal ins Ausland – so wie für unseren Korrespondenten Joshua Brauns, den es für ein Vierteljahr nach Dänemark verschlagen hat. In einer zweiteiligen Reihe berichtet er uns von seinen Eindrücken und Erlebnissen aus Kopenhagen und Horsens.

Anpfiff der zweiten Halbzeit: Da lebt man sich nach fünf Wochen in Kopenhagen ein, da wird einem wieder bewusst, dass es in ein paar Tagen weitergeht auf der Reise ins Unbekannte. Auf der einen Seite fällt es mir schwer, ‚meiner‘ Stadt Kopenhagen den Rücken zuzukehren; auf der anderen Seite freue ich mich auf das Neue, das mich in Jütland erwartet.

In diesem Sinne wünsche ich mir selbst mal ein fröhliches Go West. Von Kopenhagen nach Horsens. Hört sich an wie von Berlin nach Buxtehude. Und so ähnlich verhält auch mein Navi, das mich nicht zum Zielort Kamtjatka navigieren kann. Also Handy raus (natürlich bei abgestelltem Motor) und einen Praktikanten anrufen, der auf jenem Campus namens Kamtjatka lebt und mich dorthin lotsen kann. Dort angekommen, stellt er sich mir als Rob vor, 20 Jahre alt, aus den Niederlanden. Er ist einer von vier weiteren Praktikanten, die in Kamtjatka untergebracht sind. Seine Schule schreibe ein Auslandspraktikum vor, die anderen seien aus Studiumsgründen hier. Soso, keiner einfach freiwillig hier; hätte ich mir auch denken können.

Dennoch bin ich froh, schon mal jemanden kennengelernt zu haben, der einen guten ersten Eindruck auf mich macht. Das soll sich noch am gleichen Abend auszahlen, als ich feststelle, dass es arschkalt in meinem neuen Zimmer ist und eine Decke für mein Bett zu allem Überfluss fehlt. Es ist Samstagabend, die Geschäfte haben zu und die Ausstattung in meiner Unterkunft kann man noch nicht mal mit der einer heruntergekommenen Jugendherberge vergleichen. Aber – ich lebe hier ja nicht allein. So klopfe ich an Rob’s Tür und mache Bekanntschaft mit einer anderen Praktikantin, die mir glücklicherweise eine Decke leihen kann und mich somit vor dem sicheren Gefriertod bewahrt.

Bevor mein zweites Praktikum losgeht, bekomme ich noch am Sonntag die Gelegenheit, die anderen Praktikanten kennenzulernen – auf einen Pfannkuchen. Insgesamt sind wir drei Niederländer, zwei Letten, zwei Deutsche und ein Litauer. Langsam fügt sich das Bild eines ‚internationalen‘ Campus in meinem Kopf zusammen; es ist ein ein schönes Bild ohne viel Schnickschnack, das gerade durch seine Schlichtheit zu überzeugen weiß. Das Treffen jedenfalls lässt das beruhigende Gefühl zurück, Leute kennengelernt zu haben, die allesamt gut drauf sind und mit denen man mal reden kann, falls irgendwas anbrennen sollte – wie zum Beispiel in meiner Küche, die ich zusammen mit dem Bad mit einem 39-jährigen Dänen teile. Seinen Fall würde man wohl in Deutschland als ewigen Student abtun, aber eigentlich ist er vollkommen in Ordnung. Viel mehr habe ich nicht mit ihm zu tun, aber das ist uns beiden gleich, da wir mit jeweils Anderen ’sozialen Ausgang‘ haben.

Am nächsten Tag geht mein zweites Praktikum in Dänemark los. Gleiches Unternehmen, anderer Standort. Es ist zwar nicht mehr das Headquarter, dafür ist es eine andere Abteilung, die mir vom ersten Tag an gefällt. Eigentlich kann ich nur das wiederholen, was ich schon im ersten Artikel ausgeführt habe: Good people, good times. Ich bin froh, das ich allem Anschein nach in der richtigen Branche gelandet bin.

Des Abends kümmert man sich um all die Pflichten, die eben zu erledigen sind. Haushalt – ein Wort, das auch noch für einen 18-jährigen irgendwie abschreckend klingt. Naja, führt ja kein Weg dran vorbei. Einkaufen, Geld ausgeben für Sachen, für die man kein Geld ausgeben will. Wenn dann noch das Studentenfutter im Einkaufskorb liegt, ist das Klischee des Studenten perfekt und man muss schon schmunzeln, weil man Klischees ablehnen will und sie dennoch selbst voll erfüllt.
Danach geht’s in den Keller, um die Kleidung für zehn Kronen zu waschen. Aus dem Waschkeller herausgetreten, nehme ich nur noch jede zweite Treppenstufe und trete in einen Raum ein, in dem sich viele Gewichte und Geräte befinden – auf gut Deutsch auch als „Gym“ bezeichnet. Hier trifft man mich an fast jedem Wochentag an, da man im Spätherbst in Horsens einfach nichts Besseres, Sinnvolleres oder Cooleres starten kann. Man kann diesen Raum nicht mit einem deutschen Standardstudio vergleichen, aber dafür ist es kostenlos, hier zu trainieren. Da es hier keinen Trainer oder eine sonstige Autorität gibt, kann jeder trainieren wie er möchte, was auch darin ausartet, dass die SportlerInnen lauter sind und ihre Gewichte einfach fallenlassen. Juckt eh keinen. Young, wild and free und so.

Wenn es mal ein anderes Highlight unter der Woche gibt, dann lässt es sich folgendermaßen zusammenfassen: Champions-League-Spiele halblegal aus dem instabilen Campus-Internet streamen. Aber hey, besser als nichts und noch immer die beste Lösung, wenn man bedenkt, dass keine von den zehn Bars, die Horsens hat, Fußball überträgt. That’s the way it is. The struggle is real.

Horsens hat bis auf tägliches Blaulicht auf der Straße vor dem Campus wenig zu bieten. Deshalb veranstalten wir Praktikanten House-Partys am Wochenende, die darin enden, dass einer der Praktikanten seine Sprintkünste im feucht-fröhlichen Zustand auf dem Balkon zur Schau stellt. In die Studentenbar, die nur freitags geöffnet ist, wollen wir nicht, da dort jedes Mal ein regelrechtes Komasaufen stattfindet, wo wir nicht mithalten können.

Da wir uns der dänischen Kultur nicht verweigern wollen, gehört es auch mal dazu, ins Kino zu gehen. Der hohe Preis kommt uns dank der hohen Preise in deutschen Kinos gar nicht so unsagbar hoch vor, aber 110 Kronen darf man dann schon mal für den neuen Bond auf den Tisch legen. Michael – so der Name des anderen deutschen Praktikanten – und ich sind sogar so cool, dass wir den Film auch ohne dänische Untertitel verstehen … Außerdem bekommen wir noch Freikarten für ein Fußballspiel des legendären AC Horsens (sie spielen in der zweiten dänischen Liga). Muss man sich schließlich auch mal gönnen. An einem kalten Montagabend wird der Lyngby BK mit 2:1 vor 1.500 jubelnden Zuschauern aus der Arena geschossen.

Unterdessen nimmt Florian Krüger den langen Weg aus Weyhe auf sich und holt mich im Rolls Royce ab, um große Werbekunden für Wanted in Dänemark zu gewinnen … Nur Spaß – zusammen fahren wir nach Århus, in die zweitgrößte Stadt Dänemarks, um uns das dänische Nachtleben zu Gemüte zu führen. Mindestens genauso cool.

Nach fünf Wochen in Kopenhagen und weiteren fünf in Horsens neigen sich meine Zeit und auch mein Budget langsam dem Ende. Man ist schon traurig darüber, wieder aufbrechen zu müssen, da ich eine wunderbare Zeit erleben durfte. Sie hat mich persönlich und professionell bereichert und einige Freundschaften entstehen lassen.

Der Lebensstandard ist ein anderer, aber das ist schon okay. Man macht ja bekanntlich immer das Beste draus. Und deswegen rate ich jedem Leser, ab und zu seine Komfortzone zu verlassen und sich auf neue Dinge einzulassen. Ich bin mir sicher, dass Du es nicht bereuen wirst – und vergessen wirst Du solche Erfahrungen schon mal gar nicht. In diesem Sinne – frohe Horizonterweiterung!

Hier geht es zum ersten Teil: Auslandspraktikum – Kopenhagen

Über Joshua Brauns 23 Artikel
Der Lektor, der sich für Sport, Reisen und Musik begeistert - und darüber auch gerne schreibt. Viel Spaß beim Lesen!

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