Auslandspraktikum – Kopenhagen

Teil 1 von 2

Hier stehe ich nun, weltmännisch auf einem Aussichtsfelsen, mein Blick schweift zum Horizont, an dem ich verträumt meine neue Heimat Kopenhagen ausmachen kann – Horizonterweiterung.

Mich hat es ins Ausland gezogen, um neue Menschen, Kulturen und Sprachen kennenzulernen. Ja, ich muss zugeben, es waren die üblichen Standardmotive, die mich dazu verleitet haben, Deutschland für knapp drei Monate zu verlassen. Der Rahmen für meinen Plan war schnell gesteckt: Mein Ausbildungsbetrieb in Bremen hat mir die Möglichkeit gegeben, ein freiwilliges Auslandspraktikum im Headquarter zu machen, welches nahe Kopenhagen liegt – es passte einfach wie Faust aufs Auge zu meinem Vorhaben. Anfang September geht es mit gemischten Gefühlen los. Die Fahrt nach Dänemark, der Aufbruch ins neue Leben, der Weg ins aufregende Unbekannte. Auf Wiedersehen, Freunde und Familie. Ich werde euch vermissen. Tschüss, altes Leben – Hallo, neue Welt! Das Navi verstummt nach knapp sieben Stunden in einer Kleinstadt namens Søborg, die etwa zehn Minuten entfernt von Kopenhagen liegt. Hier lebe ich in einem Appartement, in dem ich mich auf Anhieb wohlfühle. Nicht wie zu Hause, aber auch nicht so fremd wie ein Hotel. Der Vermieter ist ein Mittdreißiger, mit dem ich mir die Wohnung teile. Unser Verhältnis ist total entspannt, wir hatten noch keinen Streit wegen irgendetwas – und er frisst auch keine 18-jährigen, wie ich es mir manchmal in meinem Kopf ausgemalt habe. Also fürs Erste alles in bester Ordnung.

Zeit, Kopenhagen zu erleben, habe ich am ersten Wochenende nicht – ich muss mich erstmal in der Wohnung orientieren und um Einkäufe kümmern, bevor ich am nächsten Tag um 07:30 Uhr aus der Tür schreite, um meinen ersten Tag als Praktikant anzugehen. Nach einer halbstündigen Fahrt auf der Autobahn kann ich das Gebäude im glänzenden Weiß erstrahlen sehen. Und das ist keine verniedlichende Beschreibung – es ist die Wahrheit: Das Gebäude feiert diesen September sein Einjähriges und ist im Anbetracht der Größe (hier arbeiten etwa 750 Arbeitnehmer) eine architektonische Meisterleistung. Es sei von Apple inspiriert und habe daher keine Kanten. Nun denn, Zeit zu erfahren, ob das moderne und fortschrittliche Äußere nur eine Fassade ist oder ob mich auch die inneren Werte überzeugen können.

Die Kollegen empfangen mich wirklich warmherzig und versuchen umgehend, mich in ihre Arbeitsprozesse und Gespräche zu integrieren, was aufgrund der Sprachbarrieren („I’m sorry, I don’t speak Danish) nicht hundertprozentig klappt, aber doch viel besser als erwartet über die Bühne geht (Englisch-LK sei dank).

Im Ernst, die Dänen sprechen ein für deutsche Verhältnisse vorzügliches Englisch – das muss wohl daran liegen, dass die Filme und Serien aus Amerika nicht übersetzt werden und ‚meine‘ Dänen in einer internationalen Branche arbeiten, in der Englisch jeden Tag wie die Muttersprache gebraucht wird. Ich kann glücklicherweise behaupten, dass man sich schnell daran gewöhnt, die Menschen um sich herum nicht zu verstehen, wenn sie Dänisch sprechen, aber sehr wohl daran, wenn sie Englisch sprechen. Das Schul-Englisch hilft, klar, aber Gespräche auf Englisch wie auf Deutsch zu führen, ist noch mal etwas Anderes. Dennoch wird man von Tag zu Tag besser und man spricht schon nach einigen Tagen in einem Fluss, in dem man nicht mehr über die Wörter und ihre Übersetzungen nachdenkt, sondern einfach spricht. Nach einigen Wochen denkt man dann über gar nichts mehr nach und redet nur noch englischen Bullshit vor sich hin …

Spaß beiseite. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei dem Praktikum: Offenherzige Kollegen, die sich auch bei Stress Zeit für einen nehmen. Interessante und komplexe Arbeitsabläufe, die des Einsteigers volle Konzentration erfordern. Normale Arbeitszeiten, die aus Motivation und Lernwilligkeit heraus mit freiwilligen Überstunden addiert werden. Kostenloses, und für Kantinen ungewöhnlich gutes „Feinschmecker-Essen“. Schweißtreibende Workouts, die nach Feierabend im büroeigenen Gym stattfinden. Unterm Strich habe ich nicht einen Grund zu meckern. Im Headquarter meines Ausbildungsbetriebs ist und geschieht alles zu meiner Zufriedenheit. Inzwischen bin ich überzeugt – die Fassade trügt nicht, sie zeigt vielmehr die Vollkommenheit der inneren Werte auf.

Am Wochenende trifft man mich in Kopenhagen an. Meist erkunde ich die Hauptstadt allein, es kommt aber auch vor, dass mich ein gleichaltriger Auszubildender mit seinen Freunden nach Christiania nimmt. Noch nie davon gehört? Christiania ist eine autonome Siedlung im Herzen Kopenhagens. Die Bewohner machen ihre eigenen Gesetze und irgendwie läuft da alles etwas anders, was das ganze so interessant macht. Hier darf man legal Drogen erwerben, aber unter keinen Umständen Fotos machen oder mit dem Auto fahren. Für alle Musikkenner: Lukas Graham („Seven Years“) ist übrigens in Christiania aufgewachsen.

Neben Christiania hat Kopenhagen aber noch eine ganze Menge zu bieten. Besonders die Strøget, eine kilometerlange Fußgängerzone zum Shoppen, sollte jeder mal gesehen haben. Hier sind natürlich die üblichen internationalen Marken vertreten, aber auch die Seitenstraßen lohnen sich auf einen kleinen Abstecher.
Das Schöne an Kopenhagen ist, dass man fast alles zu Fuß erreichen kann: Am Ende der Strøget befindet sich Nyhavn, das bei tollem Wetter einfach himmlisch ist. Ein Hafen, alte Schiffe, bunte Häuser, Restaurants und Menschen. Apropos Menschen – Der Großteil legt viel Wert auf sein Äußeres und seinen Style, der meiner Meinung nach um Länger besser als der deutsche ist. Würden Rapper versuchen, dieses Phänomen in Worte zu fassen, würde Olson vom „südskandinavischen Lookbook“ sprechen, während Bushido seinen Hit „Style & das Geld“ zum Besten geben würde.

Geld ist hier leider auch so ein Thema, das nicht unterschätzt werden darf. Als ich das erste Mal zur St.Pauli-Bar gefahren bin (ja, es gibt hier wirklich eine St.Pauli-Bar, die alle Spiele zeigt und politische Botschaften verkörpert), habe ich das nahegelegene Parkhaus benutzt, was mich für knapp drei Stunden 78 Kronen (etwa 11 Euro) gekostet hat. Das ist leider ein repräsentativer Preis für die Lebensunterhaltungskosten in Kopenhagen. Als junger Mann mit unbezahltem Praktikum rechnet sich das gar nicht, weshalb man, bei derartigen Plänen, vorher etwas Geld zur Seite legen sollte.

Wenn man das getan hat, gilt es, einfach mal zu leben. Den Augenblick zu genießen, das aufregende Gefühl des Unbekannten zu spüren und sich daran zu erfreuen, Erinnerungen, die für immer bleiben werden, in diesem Moment erleben zu können.

Hier stehe ich nun, weltmännisch auf einem Aussichtsfelsen, mein Blick schweift zum Horizont, an dem ich verträumt meine neue Heimat Kopenhagen ausmachen kann – Horizonterweiterung.

Hier geht es zum zweiten Teil: Auslandspraktikum – Horsens

Über Joshua Brauns 22 Artikel
Der Lektor, der sich für Sport, Reisen und Musik begeistert - und darüber auch gerne schreibt. Viel Spaß beim Lesen!

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