„Den Anderen in seiner Andersartigkeit wertschätzen“

Ein Gespräch mit Pastor Tietz

Pastor Tietz, unsere Gesellschaft verändert sich stetig – es vermischen sich Hautfarben, Kulturen, Religionen. Wie steht die evangelische Kirche zur „bunten“ Republik Deutschland?
Nun, zuerst muss ich sagen, dass ich nicht im Na- men der Kirche sprechen kann, denn ich bin ja nicht der evangelische Papst. Dennoch ist die Welt aus meiner Sicht schon immer vielfältig gewesen und diese Vielfältigkeit sollte auch für immer erhalten bleiben. In Bezug auf die einzelnen Religionen bedeutet das für mich, dass sich alle Religionen und Kulturen auf Augenhöhe begegnen sollten, denn nur so kann man gut miteinander umgehen.

Viele Menschen haben Angst vor Veränderung. Diese Angst führt dazu, dass Parteien wie die AfD einen großen Zulauf erfahren. Was kann die Kirche gegen den Rechtsruck tun?
Ich muss ganz offen und ehrlich zugeben, dass mir dieser Rechtsruck Angst macht. Vor allem aber deswegen, weil die Stimmen der AfD aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Es zählen also auch sogenannte „Akademiker“ dazu und diese Tatsache erschrickt mich sehr. Für mich als Pastor ist es in Bezug auf die Entwicklung auch unumgänglich, dass dies auch Thema in der Kirche ist. Oft wird versucht, die politischen Themen von der Kirche und dem Gottesdienst zu trennen. Ich bin allerdings der Meinung, dass man einen Spruch eines weisen Mannes befolgen sollte: Wenn ein Rad den Berg runterrollt, kann man zugucken – aber Ethik und Moral sagen einem, dass man zwischen die Speichen greifen muss. In der Art und Weise hat es Dietrich Bonhoeffer gesagt und hat damit absolut recht.

Aber der Weg ist auch nicht immer leicht, oder?
Ganz und gar nicht. Wenn man Position bezieht, macht man sich nicht nur Freunde, sondern auch Feinde. Dabei kommt es dann letztlich auf die eigene Schmerzgrenze an. Ich erinnere mich zum Beispiel noch sehr gut daran, dass ich im Zuge meines Engagements am „Runden Tisch gegen Rechts – für Integration“ tatsächlich Morddrohungen erhalten habe. Demnach ist es meistens leichter, mit dem Strom abwärts zu schwimmen, als stromaufwärts.

Als Pastor und Sprecher des Runden Tisches gegen Rechts dürften Ihnen die Vorkommnisse in der letzten Zeit zu denken gegeben haben. Wie steht die Kirche zu Menschen, die gegen eine humane Flüchtlingspolitik sind?
Die Deutung des Evangeliums lässt nichts Anderes zu, als dass man alle Flüchtende aufnehmen muss. So sagt einem die Bibel, dass man denjenigen, der an deiner Tür klopft, hereinlassen und ihn als Gast aufnehmen soll. Demnach muss man sich als Gläubiger ganz klar gegen ein inhumanes Flüchtlingsbild stellen.

Treten innerliche Konflikte zwischen Ihrer Tätigkeit am Runden Tisch gegen Rechts und Ihrer Tätigkeit als Pastor auf?
Nein, da treten gar keine Konflikte auf. Ich sehe mein Engagement beim Runden Tisch gegen Rechts auch nicht als zwingend an. Wenn jemand meinen Job weitermachen möchte, kann er dies gerne tun, denn ich mache meine Persönlichkeit nicht davon abhängig. Bisher wurde mir aber immer dazu geraten, weiterzumachen und das ehrt mich natürlich und macht mich auch glücklich.

Wie begegnen Sie rechtsgesinnten Kirchenmitgliedern?
Man sollte grundsätzlich versuchen, mit diesen Leuten in einen Dialog zu treten. Sie zu bekehren, ist allerdings ein Unterfangen, das in der Regel nicht gelingt. Ich bin auch in der Seelsorge tätig und auch dort ist es ähnlich, denn die Personen, die das Problem haben, müssen selbst den Schritt in Richtung Besserung gehen. Ich kann sie nicht dazu zwingen, eine bestimmte Tür zu öffnen. Wenn sie selbst innerlich noch nicht dazu bereit sind, werden sie erst einmal mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Dann haben sie ein Problem und Kopfschmerzen. Ich kann also nur Handlungsalternativen aufzeigen und so ist es auch mit rechter Gesinnung. Die AfD ist unchristlich und wird aus Enttäuschung und Wut gewählt. Viele sind mit der Politik unzufrieden, da zu viele Reden gehalten werden und zu wenig Gehaltvolles umgesetzt wird.

Eine ganz praktische Frage: Was tut die Gemeinde derzeit in der kommunalen Flüchtlingspolitik?
Wir haben viele Flüchtlingspaten, die sich ehren- amtlich engagieren und sich für die Geflüchteten starkmachen. Das meiste sind dabei Rentner, da dort noch eher die Zeit vorhanden ist. All die Freiwilligen sind eine große Hilfe für unsere Gemeinde.

Immer mehr junge Leute wenden sich von der Kirche ab, die Gottesdienste an den Sonntagen werden bis auf die Konfirmanden und Konfirmandinnen hauptsächlich von älteren Menschen besucht. Kann Kirche cool sein?
Die Kirche an sich kann nicht cool sein – die Personen der Kirche müssen cool sein. Kirche muss glaubhaft und gut rübergebracht werden. So kann man auch die Jugend erreichen. Das merkt man alleine daran, dass wir sehr viele ehemaligen Konfirmanden haben, die auf den Kirchenfreizeiten die Konfirmanden als „Teamer“ betreuen. Außerdem gibt es die „U-Boot-Christen“. Diese tauchen lange ab und irgendwann tauchen sie wieder auf, weil sie zum Beispiel den Weg durch eine schwere Zeit beschreiten müssen. Dies zeigt, dass der Konsens mit der Kirche bei vielen da ist.

Wie kann die Kirche in der heutigen Zeit junge Leute erreichen?
Das wichtigste Element ist wohl der Konfirmandenunterricht und dieser wird zu etwa 80% von den Jugendlichen wahrgenommen. Nicht nur wegen des Geldes – es gibt auch andere Faktoren wie etwa den Freundeskreis. Kurios ist nur, dass die Eltern der Teilnehmer zu rund 50% aus der Kirche ausgetreten sind. Viel wird man durch Hochzeiten, Beerdigungen oder Feiern in das Netzwerk der Familie eingebunden. Dort bin ich als Pastor natürlich oft präsent und so haben die Leute ein Gesicht vor Augen. So fällt es leichter als junger Mensch zur Kirche zu gehen, wenn man sie braucht, da man ja eine Beziehung zu den Personen der Kirche hat. In den Häusern meiner Gemeinde habe ich immer öfter „Heimspiele“.

Toleranz unter den einzelnen Religionen ist in der heutigen Zeit ein wichtiges Stichwort. Was sagen Sie zu religiösem Fanatismus?
Unter aller Sau – brauchen wir gar nicht drüber zu diskutieren. Den Anderen in seiner Andersartigkeit respektieren, darauf kommt es an. Gandhi hat gesagt: Möge der Christ ein besserer Christ sein, der Moslem ein besserer Moslem und der Hindu ein besserer Hindu. Es geht also nicht um die Missionierung, sondern vielmehr darum, dass man den Anderen in seiner Andersartigkeit wertschätzt. Dies ist die Voraussetzung, bevor man überhaupt ein Gespräch anfangen kann, denn nur dann wird man auch seine eigene Position überdenken können. Demnach muss der Intellekt den Fanatismus überwinden.

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