Margot Käßmann im Interview: „Er steht für einen gewaltigen Umbruch“

Die Botschafterin des Luther-Jahres kann einiges erzählen

Welche Relevanz hat Martin Luther in der Geschichte?

Für die Kirchengeschichte steht er für einen gewaltigen Umbruch. Zum einen theologisch: Gott vergibt die Sünden, nicht die Kirche. Die Bibel wird zum zentralen Bezugspunkt. Am Ende des Umbruchs stehen verschiedene Konfessionen. Aber auch Deutschland, ja ganz Europa sind durch die Reformation, die Martin Luther ausgelöst hat, beeinflusst. Die deutsche Sprache entsteht durch die Übersetzung der Bibel, ebenso andere Nationalsprachen wie Finnisch oder Ungarisch. Die Idee des Einzelgewissens entsteht, das ist ein Schritt hin zu den demokratischen Freiheitsrechten. Und es gibt einen enormen Bildungsimpuls: Jedes Kind soll jetzt Lesen und Schreiben lernen.

* Sie sind Botschafterin des Jubiläums. Was haben Sie als Botschafterin in diesem Jahr schon alles erlebt? Und welches Erlebnis war das Schönste?

Ich war besonders glücklich über die Weltausstellung Reformation in diesem Sommer in Wittenberg. Sie hat gezeigt, dass wir heute ökumenisch feiern, also mit anderen und nicht gegen andere. Es waren Menschen aus allen Erdteilen dabei, so international hat sich Reformation noch nie gezeigt. Und viele junge Leute waren beteiligt, 15.000 Konfirmandinnen und Konfirmanden, mehr als 4000 Pfadfinder, viele Studierende und Volunteers aus unterschiedlichen Ländern.

* Was entgegnen Sie Personen, die zum ersten Mal vom Lutherjubiläum hören?

Ich lade sie ein, etwas über Reformation und Martin Luther zu erfahren. Da geht es um die Geschichte unseres Landes, um unsere Wurzeln.

* Was treibt Sie an, die vielen verschiedenen Ämter zu übernehmen und in jedem einzelnen etwas zu erreichen?

Wenn ich gefragt wurde, ob ich Verantwortung übernehme, habe ich stets Ja gesagt. Das ist Luthers Idee vom Beruf: Du hast bestimmte Gaben und sollst sie einbringen zum Wohl der Gemeinschaft.

* Gab es einen Schlüsselmoment in ihrer Jugend, wodurch sie zum Studium der evangelischen Theologie gekommen sind?

1974/75 war ich zu einem Austauschjahr in den USA. Der Vietnamkrieg ging zuende, ich traf zum ersten Mal Menschen jüdischen Glaubens, mein Vater starb. Das hat viele Fragen ausgelöst. Ich dachte, das Theologiestudium kann mir helfen, Antworten zu finden. Und ich habe Martin Luther King gelesen – politisch und fromm sein, das fand ich faszinierend.

* Sie hatten selbst schwere Phasen. Wie gehen Sie mit Zweifeln und Schicksalsschlägen um?
Ich fühle mich durch meinen Glauben gehalten. Das christliche Menschenbild ist ja sehr realistisch. Wir alle machen Fehler und kein Leben ist ohne Höhen und Tiefen. Außerdem sind mir meine Töchter und Freundinnen und Freunde gerade in Krisenzeiten eine große Stütze.


* Wie stehen Sie zu religiösem Radikalismus? Was entgegnen Sie Personen mit einer solchen Einstellung?

Religiöser Fundamentalismus neigt immer dazu, andere abzuwerten. In einer multireligiösen Gesellschaft und seit der Aufklärung können wir sagen: Ich habe meine Wahrheit über Gott gefunden. Aber ich respektiere, dass andere einen eigenen Weg zu Gott finden oder ohne Glauben leben. Nur so kann Religion zum Frieden beitragen.

* Inwiefern kann der Glaube das Leben der Menschen im 21. Jahrhundert bereichern?

Für mich ist Glaube auch eine Lebenshaltung. Ich verantworte mein Leben vor Gott, lebe in einer Gemeinschaft, die Tradition begründet und ich fühle mich durch Gott und diese Gemeinschaft gehalten. Mir fällt das oft auf, wenn ein Unglück geschieht. Dann haben religiöse Menschen tiefere Texte als spontane  Betroffenheitsbekundungen, denn es sind Psalmen und Gebete, die schon seit Jahrhunderten ihre Kraft entfalten.

* Muss die Kirche den heutigen Gegebenheiten angepasst/reformiert werden (im Sinne des technischen Fortschrittes)?

Ja, das wussten schon die Reformatoren: Die Kirche muss sich immer wieder verändern. Wie dabei die Balance zwischen Tradition und Innovation zu gestalten ist, das ist die Herausforderung.

* Wie kann Max Mustermann mit der Not in der Welt umgehen?

Zum einen finde ich, wir dürfen nicht abstumpfen gegenüber dem Leid anderer Menschen. Zum anderen ist auch klar, dass niemand die ganze Welt retten kann. Aber jeder und jede kann sich an einer Stelle engagieren: Deutschunterricht geben, die alleinerziehende Nachbarin unterstützen, ein Projekt in Übersee fördern, Fairtrade-Produkte kaufen. Ein Sprichwort sagt: Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte gehen, können das Gesicht der Welt verändern.

Über Marie Hilken 3 Artikel
Die Fotografin und Designerin, die sich mit Begeisterung neuen Aufgaben annimmt und super gerne fotografiert.

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