„Gerade läuft alles so, wie wir es uns erträumt haben.“

WANTED im Gespräch mit Indie-Newcomer "Von Wegen Lisbeth"

© Marian Lenhard

Von Wegen Lisbeth – ja, diesen Namen muss man erstmal auf sich wirken lassen. Sobald das geschehen ist, ahnt man schon, in welche musikalisch-geographische Richtung es geht. Richtig, es waschechter Indie-Pop aus Berlin. Bisher ist das Nachwuchsquintett mit ihrer EP „Und plötzlich der Lachs“ vor allem als Vorband auf Tourneen bekannter Gruppen wie AnnenMayKantereit oder Element of Crime in Erscheinung getreten. Im letzten Jahr durften sie sich dann auch endlich auf ihrer ersten eigenen Tour ausprobieren. Im Juli 2016 haben sie ihr Debüt-Album „Grande“ veröffentlicht, mit dem sie gegenwärtig durch Deutschland touren. Dieses weiß mit durchdachten Texten und dem Einsatz ungewöhnlicher Instrumente zu überzeugen. Dass da momentan keine Zeit fürs Studium bleibt, ist so eine Sache. Das fänden sie aber auch gar nicht so schlimm, beteuert Sänger Matze. Gut, wenn das so ist, dann wünschen wir besser ganz viel Erfolg mit der Musik!



Eure Band besteht aus fünf jungen Männern. Warum ist keine Frau bei euch dabei?

Das hat in der siebten Klasse angefangen mit der Musik, da waren wir frühpubertär, da haben wir noch gar nicht mit Mädchen gechillt. Da wäre das ja viel zu aufregend gewesen – sich ernsthaft ein Mädchen in die Band zu holen (lacht). Seitdem hat sich die Besetzung auch nicht geändert.

Schafft man es mit einem Namen wie „Von Wegen Lisbeth“ überhaupt bis ins Radio?

Mal gucken, wie es läuft. Also wir sind echt zufrieden, so, wie es jetzt läuft. Dass wir durch Deutschland rumfahren können, dass sich Leute unsere Mucke anhören und zu den Konzerten kommen – das ist schon mega geil. Natürlich freuen wir uns, wenn das Album gut ankommt, aber wir lassen das erstmal auf uns zukommen und gucken mal, was passiert.

Wie wollt ihr euren Indie mit dem Mainstream in Einklang bringen?

Klar machen wir im Endeffekt auch Popmusik. Aber trotzdem machen wir den Style, der uns gefällt. Wir haben nie gesagt: „Lass mal ein Lied für’s Radio machen“. Wir haben von Anfang an nur die Mucke gemacht, auf die wir wirklich Bock hatten. Wenn unsere Songs im Radio laufen, feiern wir das natürlich.

Ihr seid bei Sony, einem Major-Label, unter Vertrag. Wie sieht der Druck da aus? Den Druck gibt es sicherlich, die Songs in die Radios zu bringen, aber bei unserer Band gibt es den nicht. Das hätte bei uns gar keinen Sinn gemacht. Wenn die gesagt hätten: „Verändert euch jetzt mal komplett“, dann wären wir gar nicht mit eingestiegen. Wir hätten einfach kein Bock drauf, dass uns da einer vom Label groß reinquatscht.

„Wir feiern immer noch Trash-Instrumente“

Zu eurem engeren Soundspektrum gehört auch eine elektrische Harfe. Wie kommt man darauf, dieses Instrument zu spielen? Hattet Ihr Angst, wie alle anderen zu klingen?

Julian hat das irgendwann mal einer anderen Band entdeckt, die ganz andere Mucke gemacht haben. Und ich fand das dann auch geil. Wir haben sowieso eine Vorliebe für solche Instrumente. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir ganz früher alle Musikrichtungen mal durchgemacht haben. Irgendwann hatten wir auch mal eine Phase, in der wir 8-Bit-GameBoy-Mucke durchgemacht haben. Wir feiern immer noch Trash-Instrumente. So kam es, dass wir uns eine elektrische Harfe bei eBay ersteigert haben. Die ist auch in vielen Songs unseres neuen Albums Grande zum Einsatz gekommen.

Gemäß eures Sommerhits „Meine Kneipe“ ist euch egal, wer was macht, solange diese Leute nicht in eure Kneipe kommen. Existiert diese Kneipe wirklich?

Die Kneipe gibt’s wirklich – das ist unsere Stammkneipe, wo wir wirklich sehr, sehr oft rumhängen. Eigentlich geht’s in den Song um ein spezielles Mädchen, bei der ich (Matze, Anm. d. Red.) kein Bock hatte, dass sie ihre neuen Freunde mitbringt. Das ist eigentlich auch bei allen Texten so: Teilweise gibt’s einen autobiographischen Bezug, sonst könnte man ja gar nicht davon singen. Aber vieles ist auch einfach dazugedichtet, sodass auch der Text gut wird – also ist jetzt nicht alles so mega „real“ (lacht).

„Doch im Wechselbad meiner Gefühle gibt es keinen Bademeisterjob“ – ist nicht jeder für sein eigenes Glück und Handeln verantwortlich? 

Oha (lacht)! Da muss ich erstmal nachdenken … Also das ganze Lied geht eigentlich um das Thema Konkurrenzdruck: Dass du deinen Job finden und Geld machen musst. Das habe ich von ein paar Leuten in meinem Freundeskreis mitbekommen, die sich deswegen ganz doll Sorgen machten. Und darum geht es auch in dieser speziellen Zeile – das war eigentlich gar nicht so deep und philosophisch gemeint. Wenn man das jetzt philosophisch aufgreift, glaube ich nicht, dass jeder für sein Glück verantwortlich ist – das wäre ja schön. Es gibt natürlich Leute, die privilegiert sind und es leichter haben als andere. Auch an Schicksal glaube ich nicht.

„Drüben bei Penny“ und „Lisa“ handeln davon, dass wir unsere Träume aufgrund des gesellschaftlichen Drucks aufgeben. Wie haltet ihr an euren fest und wie sehen die aus?

Also gerade läuft alles so, wie wir es uns erträumt haben (lacht). Also wenn uns damals in der siebten Klasse jemand gesagt hätte, dass wir bald auf Tour gehen und Leute zu den Konzerten kommen – den hätten wir umgeklatscht (lacht). Das ist ziemlich feierlich gerade. Ansonsten wollen wir unbedingt noch mal Lena Meyer-Landrut treffen. Die macht einfach voll gute Musik – starke Mucke, tolle Texte (lacht). Aber einfach mit ihr zu reden, gucken, wie sie drauf ist – da hätten wir schon Bock drauf.

„Wir wollten einfach mal was zu dem ganzen Pegida-Unfug sagen“

Die Texte von „Bitch“ und „Der Untergang des Abendlandes“ implizieren, dass die deutsche Gesellschaft zu kleinkariert denkt. Ist dem wirklich so?

Bei „Untergang des Abendlandes“ geht es um die ganze Pegida-Geschichte. Da hat sich bei uns im Freundeskreis der Spruch „Das muss dieser Untergang des Abendlandes sein“ etabliert und bei jedem möglichen Scheiß gesagt: Zum Beispiel wenn die Bahn zu spät kam. Da wollten wir einfach mal was zu dem ganzen Pegida-Unfug sagen. Aber geil, was du aus unseren Songs alles so rausliest, finde ich voll gut (lacht). Das hatten wir gar nicht bezweckt, aber ist ja schön, wenn da jeder was anderes raushört. Kann ich aber auch verstehen, weil es ja hauptsächlich um Alltagsgeschichten geht, bei denen jeder was Anderes im Kopf hat.

In dem Song „Sushi“ kritisiert ihr den Umgang mit sozialen Medien. Sollten wir alle einen Gang zurückschalten?
Nein, gar nicht. An sich ist das ja ein richtig praktisches Medium – gerade als Band ist man da ja drauf angewiesen. Und auch so ist das ein super cooles Medium. Die Leute sollten sich nur bewusst sein, was sie da machen: Dass sie ihr ganzes Privatleben hochladen und warum man das eigentlich macht, sollte man hinterfragen. Und ich habe das Gefühl, dass den Leuten manchmal nicht so ganz klar ist, was sie da eigentlich tun. Natürlich ist es im Internet viel leichter, Komplimente zu sammeln, als im echten Leben. Das ist dann natürlich sehr verlockend, auch zu tun: Ein Foto von neuen Schuhen zu posten, die auf der Straße wahrscheinlich kaum Beachtung finden würden.Ihr deckt viele Themen ab. Worum geht es euch eigentlich hauptsächlich in eurer Musik?
Am Ende denken wir da gar nicht so drüber nach, wir machen einfach unsere Mucke. Klar machen wir Popmusik mit den Themen, die schon seit Jahrzehnten aufgegriffen werden – wie zum Beispiel die Liebe. Außerdem geht es um die Sachen, die wir in unserem Alltag erleben und Dinge, wie wir sie wahrnehmen.Was unterscheidet euch von allen anderen Indie-Bands?
Wir machen einfach krass gute Mucke (lacht). Nein, weiß ich gar nicht. Vielleicht, dass wir sehr viel selber machen, uns schon ewig kennen und seitdem auch befreundet sind. Uns ist das sehr wichtig, dass wir viel Eigenkontrolle behalten, wobei es wahrscheinlich Tausende Bands gibt, die das genauso machen (lacht).

Warum klafft ein Loch in eurem VW-Bus?
Das ist nicht mehr so, das war vor zwei Jahren so. Da sind wir immer mit einem alten T3-Bus von Julian und Robert rumgefahren und da regnete es dann auch rein. Für die jetzigen Touren können wir den leider nicht mehr nehmen, weil der zu langsam ist – der kann nur 80 fahren. Momentan mieten wir uns immer einen Sprinter für die Touren. Aber wenn wir auf Festivals fahren, auf denen wir länger bleiben und campen, nehmen wir den, weil das einfach viel gemütlicher ist und der Inbegriff von Freiheit.

Euer Plan B in Sachen Berufswahl?
Wahrscheinlich das zu Ende studieren, was wir momentan auf Eis gelegt haben. Ich (Matze, Anm. d. Red.) studiere Tonmeister, das ist ja auch nicht so weit entfernt von dem, was ich jetzt mache. Aber die anderen haben mit ihren Studiengängen kaum etwas mit Musik zu tun, da ist eine gute Mischung drin. Fühlt sich aber auf jeden Fall gut an, gerade nicht zu studieren und auf Tour zu sein. Wir wissen auch noch nicht genau, ob und wann wir wieder anfangen zu studieren. Wahrscheinlich so lange, bis wir kein Geld mehr haben und „broke“ sind (lacht).

„Wir sind dafür bekannt, Bier aus dem Backstagebereich zu klauen“

Die letzte Frage: Ohne Freigetränke – ohne euch?
Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt, wenn man auf Tour ist. Das nutzen wir dann natürlich immer aus. Am Anfang, als wir immer als Vorband unterwegs waren, wurden wir häufig dafür kritisiert, dass wir der Hauptband im Backstage alles weggetrunken haben und wir das ganze Bier aus dem Kühlschrank geklaut haben. Aber als junge Band ist man sowas einfach nicht gewohnt – da kommt man sich schon vor wie im Paradies.
Wollt ihr noch was loswerden?
Kauft unser Album, es wird grande! Und kommt am 29. September im Lagerhaus in Bremen vorbei, da spielen wir! Da haben wir letztes Jahr auch unseren Tourabschluss gemacht, da waren wir danach noch ziemlich wasted …
Über Joshua Brauns 22 Artikel
Der Lektor, der sich für Sport, Reisen und Musik begeistert - und darüber auch gerne schreibt. Viel Spaß beim Lesen!

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