Seid ihr etwa Mitte 40?

Wandern im Elbsandsandsteingebirge – das klingt im ersten Moment nach viel Langeweile und wenig Action. Das dachten wir auch für einen Moment, bis wir uns bewusst dazu entschieden haben, der sächsischen Schweiz einen Besuch abzustatten und mit unseren großen Wanderrucksäcken eine insgesamt viertägige Wandertour zu planen. Es sollte stets auf dem insgesamt 112 Kilometer langen Malerweg langgehen, der entlang beider Elbseiten durch den Nationalpark der sächsischen Schweiz führt und sogar bis an Tschechien grenzt. Dieser Rundwanderweg ist auf acht Tagesetappen angesetzt – so wollten wir ungefähr die Hälfte des Weges gehen und einfach schon früher die Elbseite wechseln und zurückgehen.
Doch was nimmt man auf so einem Trip durch die Wildnis mit? Auf jeden Fall einiges zu essen und deckten uns mit Brot, Käse und Salami ein – eben alles, was einfach zu essen ist und nicht gekühlt werden muss. Dann noch vernünftige Wander- bzw. Turnschuhe, ein paar Klamotten für jede Wetterlage und schon konnten die Rücksäcke gesattelt werden. Am Anfang fragte man sich zwar noch, ob man Wackersteine geladen hatte, doch mit der Zeit gewöhnte man sich an das Gewicht des Rucksacks.

Morgens in Bremen losgefahren, kamen wir zur Mittagszeit in Dresden an. Von dort aus fuhren wir dann in Richtung Wehlen, von wo aus unsere Tour starten sollte. Schnell mit der Fähre die Elbe überquert, ging es dann endlich los. Ein wenig müde, aber begleitet von schönem Wetter begannen die ersten Anstiege und wir steuerten völlig durchgeschwitzt auf die große Attraktion der Tour zu – die Basteibrücke. Diese liegt 304 Meter über dem Meeresspiegel und bietet tatsächlich einen wundervollen Blick über das Elbtal. Einzig und allein die Massen an Touristen verderben die Idylle, aber zu der Zeit konnte man ja noch nicht ahnen, dass man von der Idylle am Ende genug hatte. Nach einigen tollen Fotos auf der Bastei ging es dann unzählige Treppen hinunter und weiter durch den Nationalpark in Richtung unserer ersten Unterkunft – der Burg Hohenstein. 27€ für Übernachtung und Frühstück klang natürlich verlockend – besonders im Angesicht dessen, dass unser Budget schmal gesteckt war. Nach circa 6 Stunden Wandern mit kleineren Fotounterbrechungen kamen wir dann mit rauchenden Füßen in unserer ersten Unterkunft an. Erst konnten wir es nicht so richtig begreifen, da wir uns plötzlich mitten im Innenhof einer alten Burg befanden und trotzdem um uns herum viele kreischende, spanische Jugendliche liefen. Wie sich eine solche Jugendgruppe ins sächsische Hohenstein verirren konnte, ist uns bis heute rätselhaft. Schnell bemerkten wir, dass die Burg restauriert wurde. Daraufhin bekamen wir auch schon den Zimmerschlüssel – juhu! Die Freude war schnell getrügt, denn Platzprobleme würden wir zwar nicht bekommen, aber ein 14-Betten-Schlafsaal ist schon ein wenig gruselig, vor allem wenn nur zwei Leute darin schlafen sollen. Ansonsten spendeten Neonröhren ein romantisches Licht und wir ließen uns erstmal ins Bett fallen. Schnell hatten wir uns an unseren Schlafsaal gewöhnt, in dem wir nur zu zweit sein würden. „Ist ja nur für eine Nacht“, dachten wir uns und gingen nochmal los, um auf einer Anhöhe an einem kleinen Wasserfall zu picknicken. Danach fielen wir endgültig in unser Bett und konnten die Augen noch für einen kleinen Moment offenhalten, um in die Sterne zu schauen. Ein Moment, in dem man innehält und spürt, wie man entschleunigt.

Der nächste Tag verlief ein wenig ruhiger und so gewöhnte man sich allmählich an das kontinuierliche Wandern. Die Natur ist wirklich wundervoll in dieser Gegend: Es wechseln sich große Kornfelder mit schroffen Felsen ab und auch wenn die Berge nur bis zu 723 Meter erreichen, hat man teilweise spektakuläre Ausblicke. Auch darf man die Anstiege nicht unterschätzen, denn die fordern einen teilweise ziemlich. Zwischendurch gibt es auf dem Malerweg auch immer wieder Passagen mit sehr steilen und schmalen Treppen, wo man dann auch die nötige Körperbeherrschung mitbringen muss. Als wir über Altendorf nach Bad Schandau gelaufen sind, kamen wir das erste Mal an unsere Grenzen und die letzten Kilometer bis zur zweiten Unterkunft taten richtig weh. In der Pension angekommen, wollte man nichts weiter als duschen und dann erstmal eine Stunde schlafen. Danach nur noch kurz etwas essen und wieder ab ins Bett, denn am nächsten Morgen sollte die längste Etappe auf dem Programm stehen – und es sollte wahrlich eine Zerreißprobe werden.

Von Bad Schandau ging es wieder über die Elbe, wo jetzt die letzten zwei Etappen unserer Tour stattfinden sollten. Die ersten Blasen hatten sich an den Füßen bereits gebildet und die Waden fühlten sich verkrampft an. Im Gleichschritt gingen wir dann Meter für Meter und mit der Zeit kam man wieder in seinen Rhythmus. Die schönen Waldwege mit den fantastischen Aussichtsplattformen und den kleinen Bächen entschädigten auch die größten Fußschmerzen. Nach einer Rast für das Mittagessen und über sechs Stunden wandern, kamen wir dann endlich in unserem Zielort Königsstein an. Vorher waren wir noch auf den Pfaffenstein gewandert, welcher für seine vielgestaltige Struktur bekannt ist und einen tollen Blick parat hat, für alle, die den Aufstieg über das Nadelöhr schaffen. Gerade mit unseren Rücksäcken, die mehr und mehr den Nacken verkrampfen ließen, war der Aufstieg nochmal um einiges schwerer. Da wir uns weniger auf die Karte verließen, sondern mehr unseren Instinkten trauten, liefen wir dann noch einen großen Umweg und kamen völlig entkräftet in Königstein an. Dort dachten wir nun nur noch, ins Bett fallen zu können. Nichts da! An der Touristeninformation wurde uns in einem gelassenen sächsischen Dialekt mitgeteilt, dass der letzte Bus zur Burg Königstein bereits vor fünf Minuten abgefahren sei. Also deckten wir uns nochmal mit Wasser im örtlichen Supermarkt ein und machten uns auf den letzten Anstieg dieser ewig langen Etappe. Auch untereinander kommt man sich dann mal ins Gehege, aber das legt sich schnell, da man sich auf die noch anstehende Strecke konzentriert. Endlich! Geschafft! Dann nur noch ab ins Bett …

Man wusste am letzten Morgen nicht so genau, ob man jetzt nun lachen oder weinen sollte. Wahrscheinlich weder noch, denn die Füße brauchten dringend eine Pause, doch das Gemüt verspürte doch eine Menge Wehmut, diese idyllische Gegend zu verlassen. Von Königsstein nach Wahlen zurück war die kürzeste Etappe und wir wanderten „nur“ knapp 5 Stunden, bis wir uns dann voller Freude in ein Café an der Elbe setzten und bei einem kühlen Getränk die Zeit genossen, bis uns der Zug nach Hause bringen sollte. Auf dem Weg hatten wir uns noch selbstgebackenen Kuchen geholt. Die Stücke waren riesig und der selbstgebackene Bienenstich traumhaft lecker. An solche Momenten sollte es ja auch nicht mangeln und auch den ein oder anderen Leidensgenossen hatte man auf dem Weg getroffen. Im Großen und Ganzen war es aber schon ein Schock, am Dresdner Hauptbahnhof wieder so viele Menschen zu sehen, denn während unser Wanderung hat man täglich nur eine Handvoll getroffen. Im Endeffekt kann man sagen, dass wir trotz unser 18 und 19 Jahre viele Erfahrungen sammeln und den Alltag mal Alltag sein lassen konnten. Für ein bisschen Entschleunigung, Idylle und Naturgefühle muss man nicht Mitte 40 sein, sondern sich einfach auf das Abenteuer Wandern und Backpacking einlassen – und das geht eben auch im Elbsandsteingebirge.

Über Marie Hilken 3 Artikel
Die Fotografin und Designerin, die sich mit Begeisterung neuen Aufgaben annimmt und super gerne fotografiert.

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