Tinder die Stadt – Regionaljournalismus verändern

Andreas Hepp zu Tinder die Stadt
© Beate C. Koehler

Tinder die Stadt ist keine Dating, sondern eine innovative Nachrichten-App der Uni Bremen

Was ist denn nun Tinder die Stadt? Von der Tinder-App hat wohl fast jeder schon einmal gehört oder sogar selbst ausprobiert. Das berühmte hin und her Swipen wollen nun auch andere Apps aus­probieren. Forscher und Entwickler aus Bremen und Hamburg wollen dies in eine Nachrichten-App ein­bauen und in Bremen und im Umland testen. Was das genau bedeutet, erfahrt ihr hier.

Das Projekt „Tinder die Stadt“ wird vom Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI), dem Institut für Informationsmanagement der Uni Bremen und des Hans-Bredow-Institut aus Ham­burg durchgeführt. Hintergrund des gesamten Projektes ist, dass die Printmedien sowie die Stadtöffentlichkeit in einer Krise stecken. Das Problem ist, dass es keine ge­meinsame Kommunikationsplattform gibt und dies soll auf modernem Wege geändert werden. Die zukünftige Nachrichten-App im „Tinder-Style“ soll lokale Themen ins Internet und an die jungen Leute bringen! Professor Hepp ist maßgeblich daran beteiligt und hat uns einige Details im Interview verraten.

Interview zu Tinder die Stadt mit Professor Dr. Andreas Hepp

Worin liegt der innovative Kern? Tinder gibt es schon und Nachrichtenapps gibt es auch wie Sand am Meer.

Ich fange erstmal bei dem zweiten Ding an – Nachrichtenapps gibt es wie Sand am Meer – ja, aber wenn man sich den Bereich der Lokalnews anschaut, gibt es nichts, was wirklich funktioniert beziehungsweise auf breites Interesse stößt. Wenn man wirklich genau hin­schaut, gibt es dann doch gar nicht so viele. Aus unse­rer Sicht ist es so, dass diese Angebote von etablierten Unternehmen kommen, also häufig Lokal- oder Regio­nalzeitungen sind. Und das ist eben häufig in der Pfad­abhängigkeit geschehen, von dem, was sie machen – also im Endeffekt war es der Versuch, das, was sie sowieso schon machen, auf das Handy zu brin­gen. Dementsprechend sehen die meisten Apps auch aus und gehen relativ deutlich an den Nut­zungsgewohnheiten und Interesse der User vorbei.

Nachrichtenapps gehen an User-interessen vorbei“

Das ist einer der Gründe, warum das ganze bisher nicht so erfolgreich war beziehungsweise gefloppt ist. Das In­novative bei uns ist in erster Linie einmal der Prozess, denn „Tinder die Stadt“ ist ja nur eine Metapher für eine App, wo niemand weiß wie sie mal aussehen wird.

Und „Tinder die Stadt“ steht auch so ein bisschen dafür, dass Tinder den Datingmarkt revolutioniert hat und wie wir den Bereich der Lokalnews verändern wollen. Das Besondere bei uns ist dann einfach der Prozess, dass wir grundlegend anders an die Sache herangehen. Bei einer Regionalzeitung ist es häufig so, dass sich die Verantwort­lichen ins „stille Kämmerlein“ zurückziehen und überle­gen, wie so eine App aussehen könnte, die dann entwi­ckelt wird und auf den Markt kommt. Wir gehen das ganze mit einem Konzept der Co-Creation an, welches erstmal ein offener Prozess ist, indem die Apps Step by Step mit den Nutzern und Nutzerinnen und anderen Be­zugsgruppen entwickelt wird. Demnach kön­nen wir zum jetzigen Zeitpunkt auch noch gar nicht sagen, wie die App letztlich aussehen wird.

Bis Ende 2018 ein funktionierender Prototyp von Tinder die Stadt

Allerdings wollen wir bis Ende des Jahres einen funk­tionierenden Prototypen haben. Was wir bisher gemacht haben, ist, dass wir Gruppendiskussionen und Inter­views geführt haben. Dabei ging es darum, was aus ihrer Sicht die Probleme mit Lokalnachrichten und Apps in diesem Bereich sind, was sie interessieren würde und wie aus ihrer Perspektive so eine App aussehen könnte. Die Ergebnisse der NutzerInnen und die der Betreiber von lokalen Nachrichten-Apps gehen dabei schon weit auseinander, was zeigt, dass es hier Differenzen gibt.

Wie wird es technisch möglich sein, so wenig Daten wie möglich abzufragen/zu sammeln, aber auf der anderen Seite die Nachrichten auf den Nutzer zuzu­schneiden?

Da ist man an diesem Punkt angelangt, dass bei solchen Interviews und Gruppendiskussionen häufig am Ende die „eierlegende Wollmilchsau“ entsteht. Ei­nige Nutzer stellen sich vor, dass die Inhalte hochgra­dig personalisiert auf ihn zugeschnitten, aber auf der anderen Seite keine Daten von ihm erfasst werden. An der Stelle muss man dann klar festhalten: Das geht nicht. Wir haben aber allerdings eine andere Ausgangslage als Verlagshäuser. So soll die Entwicklung auch open-sour­ced sein, da dabei ja etwas entsteht, was vielfältig ge­nutzt werden kann. Demnach sind wir gar nicht an den Daten der Nutzer interessiert und brauchen einige schlicht und ergreifend auch gar nicht. Was wir allerdings für das Konzept der App benötigen, sind Daten zum In­teresse der Nutzer und den jeweiligen Gewohnheiten.

Sehr hohe Datensicherheit da keine wirtschaftlichen Interessen

Das ganze soll auf zwei Ebenen funktionieren – auf der einen Seite durch eigene Angaben am Beginn zu Interessensgebieten, die in der App angezeigt wer­den sollen. Die andere Ebene ist dann ein selbstler­nender Algorithmus, der die weggeklickten Inhal­te in der Präferenz nach hinten rutschen lässt und die

Dinge die häufig abgefragt werden, rutschen demnach natürlich nach vorne. Von der Datensicherheit können wir im Gegensatz zu anderen Unternehmen anbieten, dass die Daten nur dafür und für nichts Anderes ver­wendet werden. Außerdem soll auch jeder Nutzer und jede Nutzerin die Möglichkeit haben selbst zu entschei­den, ob die App für sie personalisiert wird – falls nicht, dann kann einfach nach lokalen News gesucht werden. Wir wollen also anders denken, als bisher in diesem Be­reich gedacht wurde und so zeigen, was möglich ist.

Es soll nur auf die Nutzerinteressen gehört wer­den, diesbezüglich gab es Gruppendiskussionen. Was machen laut den Ergebnissen bisherige Nachrich­ten-Apps falsch?

Der erste Punkt ist dabei wohl, dass man an­setzt und sich fragt, was ist überhaupt das Interesse an lokalen Nachrichten. Und dabei stimmt es nicht, dass sich junge Leute nicht dafür interessieren würden,

was in ihrer Region passiert. Auf der anderen Seite füh­len sie sich überhaupt nicht angesprochen durch die Informationen, wie sie momentan zu ihnen kommen.

Ich sage jetzt mal, dass Regional- oder Lokalzei­tungen sowieso keiner der jungen Leute mehr liest und die Online-Angebote sind meistens nichts an­deres als der Zeitungsartikel. Und dann ist man re­lativ schnell bei der Benutzungsoberfläche so einer App und kommt darauf, dass die App schnell sortier­bar und interessante Inhalte abrufbar sein müssen.

Ganz neue Formen des Regionaljournalismus

Es ist nämlich so, dass viele solcher Anwendungs­szenarien „Nebenbeihandlungen“ sind – man war­tet auf den Bus, steht in der Schlange oder hat einfach fünf Minuten Luft. Dann guckt man schnell mal in die

App und will nicht in eine komplizierte Bedien­oberfläche oder lange Texte hineingezogen wer­den. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass man in interessante Themen tiefer einsteigen möchte und braucht hierfür eine Datenbank an Hinter­grundinformationen, die der Nutzer abrufen kann, um Zusammenhänge zu erschließen. Dann kommt man relativ schnell zu einem geschichteten Interface der App, welches dann auch kuratiert werden muss. In diesem Moment muss man aber auch über eine ganz neue Form des Regionaljournalismus nachdenken.

640.000€ steckt das Bundesministerium für Bildung und Forschung in das Projekt – kann ein Erfolg ga­rantiert werden?

Es kann nie ein Erfolg garantiert werden. Das ist so wie mit Spielfilmen, man sieht immer nur die Block­buster, aber die vielen Spielfilme, die möglicherweise nie ihre Produktionskosten einspielen, sieht man nicht. Bei uns ist es eine experimentelle App, mit der wir zei­gen wollen, was erstmal möglich ist, wenn man nicht wie die Verlagshäuser denkt. Bei uns ist ja ein Ansatz, dass mehrere, unabhängige Informationsquellen zusam­mengeführt werden sollen. Das können Medienhäuser, Vereine oder Ähnliches sein. Unser Ziel nach den zwei Jahren ist dann eine fertige Version 1.0 als App, die man dann natürlich auch noch weiterentwickeln könnte. An dieser Stelle probieren wir jetzt gerade verschiedene Lösungen aus, welche wir dann auch wieder zurück an die NutzerInnen geben, um schon im Prozess ihr Feed­back einzuholen.

Warum driften Interessen von Nachrichtenbetreibern und Nutzern laut Ihnen auseinander? Im Endeffekt geht es doch allen um Reichweite, denn damit lässt sich auch das meiste Geld verdienen. Ist die Gleichung also nicht Interessen der Medienunternehmen = der Nutzerinteressen?

Hepp: Weil sie manchmal ganz anders denken müss­ten, dies aber häufig nicht können. Stellen wir uns mal ein klassisches Verlagshaus vor, welches hinten dran noch seine Druckerei hat und damit das Printprodukt druckt. Für diesen Verlag ist so eine App einfach erstmal nur ein weiterer Distributionskanal mit Wertschöpfung. Wenn man allerdings anfängt über so eine App an sich nachzudenken und hat den ganzen Überbau den man fi­nanzieren muss nicht, dann sind auch viele Kosten weg. Das klassische Beispiel ist an der Stelle ja die Zei­tung, welche für einen Euro verkauft wird, dann gehen 90 Cent davon in Verlag, Druck und Back­office und nur 10 Cent in den Journalismus.

Google und Facebook entstanden auch aus dem universitären Kontext“

Wenn man allerdings bei null anfängt, dann sehen sie nur die 10 Cent und alleine das befreit schon ziemlich das Denken. Unser Punkt ist einfach, dass wir die App nicht als Verlängerung einer Zeitung oder eines Lokal­radios denken. Unser Punkt ist, dass wir die App als eine ganz neue Form von Journalismus sehen. Hier kann man viele andere Beispiele nennen, die aus einer ähn­lichen Situation heraus entstanden sind. Facebook oder Google sind auch erstmal aus dem universitären Kon­texten heraus entstanden und hatten somit die Möglich­keit, ganz neue Dinge auszuprobieren. Sowas wie wir mit solch einem Selbstlern-Algorithmus ausprobieren, können viele Verlage nicht, weil dazu erstmal schlicht und ergreifend die Zeit fehlt. Es kann sich gar nicht so offen mit Nutzerinteressen auseinandergesetzt werden und so die App auch während des Prozesses angepasst werden. Damit ist unser Unterschied, dass wir eine ganz andere Herangehensweise haben. Und bisher gehen wir davon aus, bei dem was sich abzeichnet, dass da­bei auch ein ganz anderes Produkt herauskommen wird.

Über Florian Krüger 28 Artikel
Der Chefredakteur, der den Stift immer zur Hand hat und vor lauter Ideen fast das Schreiben vergisst - aber hat ja geklappt! Voilà ...

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