Weltmeister-Schwestern

das Interview führten Marie Hilken & Florian Krüger

© Stefan Strassenburg Photography

Was habt ihr im ersten Moment nach der Verkündung gedacht?

Tabea Horstmann: Ich war den ganzen Tag nicht wirklich aufgeregt, aber vor der Verkündung war es dann sehr schlimm. Schon während des Tanzens habe ich in der Box Duet Perm/Russland stehen sehen, die nach uns im Finale noch dran waren und das hat mich schon nervös gemacht. Als dann das Urteil verkündet wurde, habe ich das im ersten Moment gar nicht geschnallt und erstmal Berit gefragt, ob wir gerade Weltmeister geworden sind.

Berit Horstmann: Ja, wir beide sind dann erstmal auf den Boden gefallen. Im ersten Moment begreift man es noch gar nicht, aber die Anspannung wandelt sich in Erleichterung und mit der Zeit kam dann natürlich auch riesige Freude auf. Es grenzt allerdings an nervlicher Folter, in der Box zu stehen und auf das Urteil der Punktrichter für den Grün-Gold-Club Bremen zu warten. In der „Leader-Box“ stand dann das russische Team und hat uns beim Tanzen zugeguckt, bis wir sie dann mit 0,18 Punkten abgelöst haben.

Ist es denn eine Belastung, wenn einem das führende Team zuguckt?

Tabea: „Also für mich ist es schon schwierig, denn ich nehme beim Tanzen meine Umgebung relativ gut wahr und gucke auch immer einige an und zwinkere manchmal sogar Leuten zu. Deshalb war es schon komisch, dass die Russen einem auf die Füße geschaut haben, aber letztlich konzentriert man sich hauptsächlich auf sich selbst.“

Berit: „Bei mir ist es ganz anders: Ich bekomme während eines Wettkampfs trotz der vielen Zuschauer nicht wirklich viel davon mit, weil ich so fokussiert bin und alles ausblende. Im Ausmarschteil  habe ich dann ein paar von mir in der ersten Reihe entdeckt, aber der Teil gehört ja auch nicht mehr zum Wertungsteil und da kann man dann ja auch ein bisschen gucken und sich entspannen.“

Einige Teams haben teils grobe Fehler gemacht. Wie hoch ist der Druck bei einer Weltmeisterschaft und wie geht man damit um? Hilft oder belastet das Team in der Hinsicht?

Berit: „Ich würde sagen beides. Du möchtest nicht diejenige sein, die die Pirouette nicht steht, denn das ist immer so ein markantes Highlight und muss einfach sitzen. Und klar, wenn du dann diejenige bist, an der es scheitert, weil man etwa umgefallen ist, kann das die Note des Teams natürlich extrem runterziehen. Andererseits ist es aber auch so, dass man tatsächlich mal aus irgendwelchen Gründen rauskommt, wenn einem das Team auch hilft und der Fehler durch die Teamleistung insgesamt noch kompensiert werden kann.“

Tabea: „Ja, das stimmt und man muss dazu sagen, dass keiner sauer auf einen ist. Natürlich freut sich das Team und unser Trainer nicht, wenn wir eine Figur nicht stehen, aber es wird damit ganz gut umgegangen. Auch unser Trainer Roberto Albanese hilft uns dann und geht nochmal auf den Fehler ein, damit wir ihn beim nächsten Mal verhindern können.“

Berit: „Der Druck bei einem selbst überwiegt im Endeffekt aber meiner Meinung nach schon, denn man hat selbst diesen Anspruch, dass man perfekt tanzen will.“

Wie oft trainiert ihr und welchen Anteil hat euer Trainer Roberto Albanese und das restliche Team an eurem Erfolg? Es sah zwischenzeitlich so aus, als ob er selbst vom Stuhl auf die Tanzfläche rennen wollte.

Tabea: „Wir trainieren vor den Deutschen Meisterschaften und den Weltmeisterschaften regulär dreimal die Woche und dann jeweils drei Stunden am Abend. Die Trainer sind dann in der Regel auch immer mit dabei, obwohl Roberto ja auch noch einige andere Einzelpaare trainiert. Er steckt sein ganzes Herz und sein ganzes Leben ins Tanzen und ich glaube gerade die Formation ist alles für ihn, weil er die ja auch aufgebaut hat.“

Berit: „Das merkt man auch im Training, wie motiviert er ist und alleine durch seine Motivation und die Emotionen, die er mitbringt und auch an Turniertagen auf die Mannschaft übermittelt. So schaffen es die Trainer, dass wir auf den Punkt motiviert sind und man am Turniertag gar nicht anders kann, als mit dem ganzen Team mitzugehen. Das ganze Team vertraut dem Trainer und so hält man auch die vielen harten Trainings durch. Natürlich hat er auch eine strenge und temperamentvolle Art, aber genau die hilft einem, das Beste auf der Tanzfläche aus sich herauszuholen.“

Wie anstrengend ist es, das ganze Jahr über die selbe Choreo zu tanzen? Kann man die Musik überhaupt noch hören?

Berit: „Momentan kann ich sie noch hören. In der Vorbereitung ist es eigentlich gar nicht langweilig, weil alles aufeinander aufbaut und wir die Choreographie schrittweise erlernen. So kommt immer wieder etwas Neues und natürlich verbessert und verändert man auch nochmal die ein oder andere Passage. Jetzt hatten wir das große Highlight und haben mit dem Weltmeistertitel alles erreicht, was wir wollten. Wenn es jetzt von Januar bis März an die fünf Tuniere in der Bundesliga geht, wollen wir natürlich auch versuchen, jedes der Tuniere zu gewinnen.“

Fünf mal in Folge Weltmeister – was ist der Schlüssel vom Grün-Gold Tanzclub gegenüber etwa den Konkurrenten aus Russland?

Berit: „Ich bin jetzt zum dritten Mal in Folge Weltmeisterin und Tabea hat jetzt zum ersten Mal den Titel gewonnen. Wir sind beide die jüngsten im Team (Jahrgang 1996) und Tabea ist nochmal zwei Jahre jünger, deshalb ist sie auch ein bisschen später aus dem B-Team in das A-Team vorgerückt. Die anderen sind alle Anfang bis Mitte 20.“

Tabea: „Außer mein Tanzpartner, der ist 20 Jahre älter als ich. Er ist sozu sagen das Urgestein des Vereins und immer noch topfit.“

Berit: „Der Verein legt aber auch sehr viel Wert auf den Nachwuchs. Es gibt ja auch noch das B-Team,#welches auch in der Bundesliga tanzt und in dem man schon sehr gut auf den möglichen Sprung ins A-Team vorbereitet wird. Es gibt aber auch noch zahlreiche andere Teams, bis hin zum E-Team. Es hängt jedoch auch zu einem sehr großen Teil von Roberto ab, der echt viel drauf hat und sich ständig weiterbildet. Er trainiert ja auch einige Einzelpaare und versucht die Erfahrungen auch mit in die Formation einzubringen.“

Tabea: „Roberto ist einfach ein Künstler und das, was er kann, kann kein anderer. Er weiß immer, was man zu welcher Musik tanzen muss. Er spornt uns zu Höchstleistungen an und weiß, wie man das Publikum mitreißen kann.“

Lateintanzen in der Formation ist ein Mannschaftssport und man gewinnt im Team. Wie ist die Atmosphäre im Team – große Familie oder Konkurrenzkampf?

Berit: „In dem Team gibt es schon eine gewisse Konkurrenz. Es können am Ende eben nur 16 Tänzer, sprich acht Paare, auf der Fläche stehen und zwei Paare sind dann Ersatz. Aber wir halten alle als ein Team zusammen.“

Tabea: „Es ist schon normal, dass man enttäuscht ist, wenn man nicht tanzen kann. Aber auf der anderen Seite ist es für uns alle auch so, dass sie genauso mit zum Team gehören und dementsprechend auch genauso Weltmeister sind.“

Wie soll es in Zukunft für euch weitergehen? Wieder Weltmeister werden?

Berit: „Wir tanzen beide ja auch hin und wieder im Einzel. Allerdings ist das schwer, denn der Fokus liegt natürlich auf der Formation und so reichen die Zeitkapazitäten in den heißen Phasen nicht aus, um auch noch oft mit seinem Partner zu trainieren. Dennoch versuchen wir es und ich habe mit meinem Tanzpartner auch in der S-Klasse getanzt, also der höchsten Klasse. Jetzt muss sich mein Tanzpartner jedoch mehr auf seinen Beruf konzentrieren und deshalb ist es für mich jetzt schwer.“

Tabea: „Ich tanze mit einem aus der Formation und wir haben gerade beschlossen, dass wir nach Weihnachten wieder ins Training einsteigen wollen. In der Formation wollen wir beide auf jeden Fall weitertanzen und hoffen, dass das Team nächste Saison wieder so gut zustande kommt.

Berit: „Genau, aber wir wissen noch nicht, ob wir die Choreographie noch ein zweites Jahr tanzen oder eine komplett neue bekommen. Falls wir die Choreos von diesem Jahr behalten, werden die Schritte geändert und das ganze wird nochmal neu überarbeitet.

Vielen Dank für das Interview!

Über Florian Krüger 63 Artikel
Der Chefredakteur, der den Stift immer zur Hand hat und vor lauter Ideen fast das Schreiben vergisst - aber hat ja geklappt! Voilà ...

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