„Wimpernschläge entscheiden!“

ein interview mit Sprinttalent Lisa Mayer

© Oliver Vogler
Du brauchst 11,15 Sekunden für 100 Meter und trainierst jahrelang für ein Ereignis. Worauf kommt es dann im Rennen an?
Im Rennen am Wettkampftag kommt es wahrscheinlich einzig und allein auf die Nervenstärke an. Klar, wir trainieren alle super viel und super hart – das führt auch dazu, dass jeder Athlet andere Schwerpunkte hat und wir uns daher in Nuancen unterscheiden. Im Endeffekt sind es dann Wimpernschläge, die im Rennen entscheiden. Deshalb würde ich auch sagen, dass wir auf nationaler Ebene – wie zum Beispiel bei den Deutschen Meisterschaften – alle auf einem ähnlichen Niveau sind. Es ist bei diesen Wettkämpfen keine signifikant schlechter oder besser als die andere und daher entscheiden oft die Nerven. Das ist aus meiner Sicht so einer der wichtigsten Bausteine im Rennen. Es ist ja auch verrückt zu sehen, dass 11,0 eine ganz andere Welt sind als 11,30 Sekunden – eigentlich ist der Unterschied minimal und im Alltag kaum wahrnehmbar, aber im Rennen auf der Bahn sieht es dann doch nach einem großen Unterschied aus.
Spürst du irgendetwas während der 11,15 Sekunden oder läufst du einfach nur?
Ich wurde gerade letztens auf einer Veranstaltung von meinem Sponsor gefragt, wie oft ich bei einem 100 Meter Sprint atmen würde. Ich hatte keine Ahnung, weil ich während des Rennens wirklich fast gar nichts mitbekomme und so sehr in meinem eigenen Tunnel bin. Natürlich sieht man seine Mitläuferinnen auch so ein bisschen im Augenwinkel oder im besten Fall eben auch nicht (lacht). Von dem Drumherum bekomme ich auch fast nichts mit. Bei den 200 Metern ist es dann schon ein bisschen anders, weil ich da etwas von den Zuschauern im Stadion mitbekomme.
Der Sprint sieht häufig so leicht und locker aus – wie viel davon ist harte Arbeit und wie viel ist Talent?
Es ist auf jeden Fall die Mischung aus beidem. Mir sagt man zum Beispiel nach, dass ich einen sehr eleganten und leichtfüßigen Laufstil habe. Das habe ich mir nicht antrainiert und da mache ich im Grunde genommen auch nicht viel für – das habe ich einfach in die Wiege gelegt bekommen. Nichtsdestotrotz kann man im Hochleistungssport von Talent alleine nicht leben. Das ist zwar schön und gut, aber das Talent muss natürlich durch intensives und zielgerichtetes Training ausgebaut werden, um national sowie international konkurrenzfähig zu sein.
Du warst bei der WM in London dieses Jahr mit der Staffel am Start. Wie hast du die Zeit erlebt? 
Es war für mich ein bisschen schwierig, da ich auch für die 200 Meter nominiert war und somit im Einzel an den Start hätte gehen können. Ich habe mich jedoch vor Ort dagegen entschieden, da mich mein verletzungsbedingter Trainingsrückstand zu sehr ausgebremst hat. Ich wollte dadurch vollkommen fit für die Staffel sein, bei der wir ja sogar eine Medaillenchance hatten. In London war ich fast zwei Wochen und es waren für mich meine ersten Weltmeisterschaften. Davor war ich zwar bei Europameisterschaften und Olympischen Spielen, aber bei einer WM war ich noch nicht. Es war eine wahnsinnig schöne Zeit, weil man vor Ort super nett und hilfsbereit empfangen wurde. Die Grundfreundlichkeit der Menschen während der WM war sehr schön – sei es im Stadion selber, aber auch im ganzen Drumherum wie dem Hotel oder den Transporten. Ich habe überall eine Begeisterung gespürt. Die Stimmung im Stadion war einzigartig und habe ich so noch nicht erlebt – weder bei der Europameisterschaft noch bei den Olympischen Spielen in Rio. Unten auf der Bahn waren das Gänsehautmomente.
Die deutsche Staffel landete am Ende auf einem starken 4. Platz. Was bedeutet dieses Ergebnis für die Zukunft des deutschen Sprints?
Man muss ganz klar sagen, dass wir uns eine Medaille vorgenommen hatten. Auch im Nachhinein haben wir gesehen, dass ein Platz auf dem Podium möglich gewesen wäre und es ist umso bitterer, dass es nicht funktioniert hat. Wir haben den Druck von außen gespürt, da wir im April die inoffiziellen Staffelweltmeisterschaften auf den Bahamas gewonnen haben. Danach war die Aufmerksamkeit sehr groß und es hieß auch so ein bisschen von außen, dass wir eine Medaille gewinnen können, es vielleicht sogar müssen – wobei wir uns davon eigentlich nicht haben beeindrucken lassen und uns auf uns selbst konzentriert haben. Dennoch hat so ein WM-Finale seine eigenen Gesetze. Im ersten Moment war der vierte Platz sehr enttäuschend und hat uns sehr getroffen. Aber trotz allem sind wir die viertbeste Staffel der Welt geworden. Wir sind schneller als die Staffeln aus den vergangenen Jahren in Deutschland und sind alle noch ziemlich jung – die Zukunft liegt noch vor uns. Man sagt im Sport ja auch, dass ein Sprinter seinen Höhepunkt mit 25 Jahren habe. Nächstes Jahr stehen die Europameisterschaften in Berlin im eigenen Land an und dort wollen wir allen zeigen, was eigentlich in uns steckt. Wir sind hungrig auf eine Medaille.
© Oliver Vogler
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Gina Lückenkemper lief die schnellste Vorlaufzeit bei der WM (unter 11 Sekunden) und du gewinnst den ISTAF in Berlin. Woher kommen plötzlich diese starken Leistungen im deutschen Frauensprint?
Das ist eine sehr gute Frage, die ich oft gestellt bekomme. Es hat natürlich viel mit Talent zu tun und auf der anderen Seite haben wir momentan sehr leistungsstarke Jahrgänge – so 1992 bis 1997. Es gibt ganz viele starke Sprinterinnen und diese Konkurrenz pusht einen natürlich auch, weil man weiß, dass da noch so viele weitere leistungsstarke Mädels sind. Deshalb arbeite ich tagtäglich sehr hart an mir, weil im Rennen jeder kleinste Fehler bestraft wird. Es haben sich daneben die wissenschaftlichen Aspekte stark weiterentwickelt. Wir können mittlerweile auf ganz andere biomechanische Auswertungen zurückgreifen, als es noch vor 10 bis 15 Jahren der Fall war. Das spielt im Bereich der Lauf- und Starttechnik eine Rolle und ist sicher auch ein Punkt, wieso es momentan so gut läuft.
Was war dein größter Erfolg?
Das war mit Sicherheit das Halbfinale bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio oder die Bronze-Medaille bei der EM in Amsterdam im vergangenen Jahr. Der emotionalste Moment war für mich aber sicherlich, dass ich letztes Jahr mit persönlicher Bestleistung und einer direkten Qualifikation in das Olympische Halbfinale über 200 Meter eingezogen bin. Das war ein sehr, sehr emotionaler Moment für mich. Aber auch schon die Olympia-Qualifikation bei den Deutschen Meisterschaften in Kassel war schon sehr aufregend, da ich dort über 100 und 200 Meter Silber geholt habe. Ich hatte damit nicht gerechnet und über 200 Meter war ich bis 15 Meter vor dem Ziel noch vorne, am Ende dann aber nur knapp Zweite geworden und war total überrascht, weil weder ich noch alle anderen damit gerechnet haben. Es war auch eine neue Bestzeit und somit alles cool – aber eben nur Zweite. Das war für mich ein richtiges Gefühlschaos.
Du sprintest für das Sprintteam Wetzlar, ist es dein Heimatverein?
Angefangen habe ich bei der LG Langgöns-Oberkleen mit elf Jahren und bin bis 2016 auch für den Verein gestartet. Jetzt bin ich aber zum Sprintteam Wetzlar gewechselt, habe meinen Trainingsschwerpunkt nach Mannheim verlegt und damit einhergehend auch meinen Trainer gewechselt. Mein jetziger Verein ist auch noch recht jung und wurde erst vor kurzem gegründet.
Über 100 bist du sehr stark, aber auch 200 läufst du gerne – was ist dir lieber?
Mein Herz hängt an den 200 Metern – es ist nicht so schnell vorbei wie bei den 100 Metern. Auf der Strecke von 200 Metern bekommt man mehr mit, muss jedoch auch auf den letzten Metern nochmal mehr kämpfen, wenn die Beine schwer werden. Das Kämpferische fehlt mir so ein bisschen bei den 100 Metern und mein Startpotenzial könnte ich auch noch deutlich verbessern. Meine Trainingspartnerin ? in Mannheim läuft zum Beispiel die 200 und 400 Meter als Kombination. Sie hat einfach riesiges Potenzial. Für mich als Sprinterin ist es jedoch derzeit keine Option, da ich von den kurzen Strecken komme und ich möchte definitiv bei 100 und 200 Metern bleiben, weil das Training doch nochmal ein anderes ist, als für die 400 Meter.
Wie lautet dein Hauptziel für die kommende Saison? 
Die Europameisterschaft in Berlin ist sicher mein Hauptziel. Wir hoffen, dass es so ein bisschen London 2.0 auf Europaebene wird. Beim ISTAF in Berlin hat man auch schon gemerkt, dass eine Begeisterung da war, denn das Stadion war zwar mit 45.000 Zuschauern nicht ausverkauft, aber für uns ist das trotzdem eine unglaublich hohe Zuschauerzahl. Die Atmosphäre beim ISTAF war die Atmosphäre ??? und die Begeisterung klasse. Bei der EM im nächsten Jahr hoffen wir, dass es dann noch besser wird, da man als Sportler auch immer wieder sieht, was so ein Heimvorteil ausmachen kann – das habe ich jetzt sowohl in London als auch in den Niederlanden gesehen, wo die Sportler aus den jeweiligen Länder wirklich über sich hinausgewachsen sind.
Du stemmst eine Doppelbelastung mit einem Studium der Germanistik sowie Geografie und dem Leistungssport – ist das ein schwieriger Spagat oder eher eine willkommene Abwechslung?
Für mich ist es eher eine willkommene Abwechslung, vor allem, weil ich es auch wichtig finde, etwas für die Zeit nach dem Sport zu haben. Momentan kann ich gut von der Leichtathletik leben, aber für danach reicht es auf keinen Fall. Von daher ist es äußerst wichtig, dass man sich ein zweites Standbein aufbaut. Viele sind auch in den Sportförderprogrammen der Polizei oder der Bundeswehr. Ich habe mich für ein Studium entschieden und habe auch den Ehrgeiz, es durchzuziehen, was sicher vom Sport kommt. Ich wollte es parallel schaffen und bin momentan im sechsten Semester. Ich strecke das Studium durch den Sport ein bisschen, aber eigentlich ist es für mich ganz gut vereinbar. Ich genieße da auch so ein paar Privilegien seitens der Uni, da ich manchmal eine Klausur verschieben muss oder mal für ein Trainingslager fehle. Das ist manchmal stressig, aber man lernt damit auch umzugehen. Und ich muss sagen, dass Sportlerpartys nach Wettkämpfen die besten sind.
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Was musste man in seiner Jugend „opfern“, was jetzt noch? 
Das ist eine interessante Frage, denn natürlich musste und muss ich immer wieder etwas opfern. So ist es mir nicht möglich, am Wochenende einfach mal feiern zu gehen, wie es andere Jugendliche machen oder bei jeder Geburtstagsfeier dabei zu sein. Es ist aber ja auch eine Frage, wie man seine Prioritäten setzt und ich wusste immer, dass ich das für den Sport machen muss. Wenn ich dann im Nachhinein sehe, was ich durch den Sport schon alles erleben durfte, dann ist das für mich so viel mehr als das, worauf ich vielleicht ein paar mal verzichtet habe. Ich durfte schon viel durch den Sport erleben, habe tolle Leute kennengelernt und war schon in vielen verschiedenen Ländern der Welt – zum Beispiel war ich vier Wochen im Trainingslager in Florida.
Wie kommst du vor dem Rennen am besten in den „Fokus“ rein? Hast du irgendwelche Rituale?
Im Grunde genommen habe ich keine richtigen Rituale. Klar habe ich so zwei, drei Glücksbringer in meiner Herzchen-Dose mit dabei, in der auch meine Sicherheitsnadeln drin sind, aber ich ziehe mir nicht immer den rechten Schuh zuerst an oder ähnliches. Das Einzige, was mir wirklich wichtig ist, dass meine Haare geflochten sind vor dem Wettkampf und dann kann es losgehen.
Über Florian Krüger 63 Artikel
Der Chefredakteur, der den Stift immer zur Hand hat und vor lauter Ideen fast das Schreiben vergisst - aber hat ja geklappt! Voilà ...

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